Kolumne

Ich habe mich verändert, ohne es wirklich bemerkt zu haben.

Ich habe mich verändert, ohne es wirklich bemerkt zu haben.

Ich blicke manchmal auf mich zurück und frage mich, was ich mir dabei gedacht habe? Wieso diese Haarfarbe, wieso diese Einstellung und warum nur musste es unbedingt ein Date mit diesem Typen sein?

Ich habe mich verändert und es nicht bemerkt

Gott, wenn ich ein altes Fotobuch oder einen Ordner auf meinem Laptop öffne, erscheinen mir immer wieder Phasen aus meinem Leben, die ich rückblickend gern übersprungen oder besser nie er- oder durchlebt hätte. Ich hätte gern einmal mehr den Mund gehalten, um nicht einen Streit vom Zaun zu brechen der mehr Schaden als Lehre mit sich brachte. Ich hätte mich gern besser gekleidet, damit ich dieses eine Bild nicht fünf Jahre später heimlich aus dem Familienalbum stehle. Ich hätte gern auch die Sportart weiter betrieben und nicht gleich wieder aufgegeben. Ich hätte gern eher einen Schlussstrich gezogen und den Mut gehabt, mehr ich zu sein.

Es gibt immer wieder Momente,

… in denen ich mich an eine bestimmte Situation erinnere, in der ich gern anders gehandelt, geschaut oder ausgesehen hätte. Mal schäme ich mich nur für meine seltsame Augenbrauenform, mal für die Socken in den Schuhen und ganz selten, aber doch immer noch zu oft, für mein Verhalten.

Perfekt sein- und das in jedem Bereich bitte. 

Ich kann mir einen richtigen Schnitt verpassen lassen und die Augenbrauen in die richtige Form und Farbe bringen, aber wie sieht es denn mit meinem Handeln aus? Kann ich das genau so schnell ändern? Ganz klar: Jein. Ich klinge jetzt wie meine Großmutter, aber hier hat sie wie immer Recht behalten: Es braucht Zeit. Zeit, und vor allem auch die schlechten Erfahrungen, um aus ihnen lernen zu können. Um zu erkennen, wo es hapert und vor allem wie ich später damit umgehen werde. Denn damit hat meine Großmutter ebenso Recht behalten:

Es werden immer wieder ähnliche Situationen auftauchen, ich muss sie nur erkennen und lernen anders zu reagieren, sie anders wahrzunehmen und mit ihnen anders umzugehen. 

Nur durch solche kleinen und großen Fettnäpfchen konnte ich mehr über mich selbst erfahren. Nur durch den ganzen Gefühlsmist aus dieser Welt konnte ich überhaupt an mir wachsen und die Welt auch ein bisschen anders wahrnehmen. Eine ganze Weile hatte ich immer nur Angst, wieder die gleichen Fehler zu begehen, die gleichen Gefühle durchzumachen und vielleicht trotzdem nichts für mich mitzunehmen.

Ich begehe noch genug Fehler und manche wiederholen sich gern, aber ich weiß heute besser damit umzugehen.

Ich habe mich verändert, es ist kein großes Drama mehr nötig um eine Situation zu überstehen, ich verzeihe mir selbst schneller und versuche mich nicht in „Was wäre wenn“- Gedanken zu verlieren. Ich lasse mich lernen und Fehler auch gern zwei Mal begehen, oder öfter. So lange, bis ich verstanden habe, was ich tun kann, um gut mit mir als Mensch klar zu kommen. 

Wir menscheln alle, das macht uns aus. Wieso kämpfen wir so sehr dafür, immer alles sofort richtig zu machen?

Ich habe mich verändert. Ich bin aber nach wie vor immer noch etwas zu laut an den falschen Stellen. Ich schäme mich auch  immer mal wieder für mein Verhalten. Ich werde auch weiterhin Fehler begehen, die falschen Worte wählen und übers Ziel hinausschießen, aber ich kann mir jetzt schneller verzeihen, die Gedanken ruhen lassen und direkt sagen, was ich fühle.

Ich finde, das klingt nach einem ganz netten Menschen, mit dem ich auch gern einmal einen Kaffee trinken würde. Nicht ganz perfekt, nicht ganz immer passend, aber dafür ganz ok. Damit kann ich ganz gut leben. 

Wobei das Augenbrauenthema noch kein gutes Ende gefunden hat, wie ich finde.

To be continued.

Kommentare

Bisher ein Kommentar zu “Ich habe mich verändert, ohne es wirklich bemerkt zu haben.”

  1. Lisi sagt:

    Absolut passend für das neue Jahr, ich kann mich sehr gut hinein fühlen und hab mich sogar an manchen Stellen erkannt in deinem Text! Großartig und wie jedesmal einfach besonders und wundervoll! Danke dafür!!

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