Kolumne

Älter werden als Frau? Dann bitte anpassen oder gleich verstecken.

Gouvernante 2.0. Wie die ehemalige Vogue Chefredakteurin gegen andere Frauen austeilt.

wenn die ehemalige Vogue Redakteurin gegen andere Frauen austeilt Alexandra Shulmann

„Helena Christensen is usually the most stylishly understated of the supermodels. At the peak of her career, she always looked utterly scrumptious in a simple dress and flat shoes, wore no make-up and liked to hang out with girlfriends. So why last week, at the age of 50, did she decide to pitch up at Gigi Hadid’s 24th birthday party in a tacky, black lace bustier?“

Wo fange ich an?

Da sitzt die Ex Vogue Chefredakteurin Frau Alexandra Shulman zu Hause vor dem Spiegel, sieht ihrer Vergangenheit ins Gesicht und muss ihre kluge Erkenntnis in einen ganz tollen Text packen. Sie erzählt uns Frauen, dass ab einem gewissen Alter, wenn es keinen Eisprung mehr gibt, die Jugend aus uns weicht, wir doch bitte auf die richtige Outfitwahl achten sollten. Denn wie schon damals heißt es doch auch noch heute für uns Frauen „Männer reifen, Frauen welken“. Was uns dann nur noch übrig bleibt sind knielange Röcke, hoch geschlossen, Hals verstecken und Sonnenbrille auch im Dunkeln tragen. Ach was sage ich da, verlasst bloß nicht mehr das Haus und seid ja klug genug gewesen, früh kochen zu lernen, geduldig dem schaffenden Mann zu dienen und Kinder zu gebären. Natürlich hat sie das alles nicht so gesagt, aber ihr Text über eine wunderschöne Frau impliziert es, die gerade 50 ist und sich wagt – ACHTUNG – eine hochgeschnittene Jeans mit einer Korsage zu kombinieren und das auch noch öffentlich zur Schau zu tragen. In dem Alter sollten wir uns doch bitte entsprechend kleiden.

Das ziert sich nicht, das gehört sich nicht.

Das ist totaler Bullshit. Da sitzt eine Frau, die genug Zeit hatte sich mehr mit ihrem Inneren als mit dem Äußeren zu beschäftigen. Sie hätte Bücher über Frauen lesen können, die erzählen wie unglaublich unsicher sie sich fühlen, Artikel in denen Frauen verraten, wer sie immer kleingehalten hat, Interviews in denen aufgezeigt wird, wie wir uns das Leben immer noch selbst schwer machen, weil wir uns einreden, dass wir nach dem Kinder kriegen (das Einzige, das Frauen wollen) und dem letzten Eisprung hier auf der Welt nur noch eins zu tun haben:

Uns zu ducken, uns zu verstecken, uns anzupassen.

Immerhin muss es diese Frau ja wissen, sie war 25 Jahre lang in Großbritannien Chefredakteurin, bei der Vogue im Bereich Fashion. Aber was jetzt bei all der Joberfahrung hängen geblieben ist, ist doch etwas mau. Das ist doch eher traurig und zugleich auch noch unsäglich dumm. Nach ihrer Einschätzung in der Daily Mail dürften sich Frauen nur aufreizend kleiden und ihren Körper zeigen (was alle Frauen nur wollen) wenn noch alles im Lot ist, wenn biologisch noch alles stimmt. Immerhin wollen wir die armen reifenden Männer, die älter werden dürfen, nicht verschrecken und andere Frauen verstören. Denn es wäre ja eine Mogelpackung. Jeder zu kurze Rock, jedes zu enge Blüslein wäre Betrug an uns selbst. Damit wäre ja ohnehin nichts mehr zu erreichen. Nur Männer hätten dann eben das große Glück, bis ins hohe Alter Kinder zeugen zu können und somit wäre das zur Schau stellen eines Körpers, der nicht mehr richtig biologisch tickt, einfach nur peinlich.

Was will uns eine 61-jährige Frau damit sagen?

Wieso schnappt sie sich ein ehemaliges Supermodel, das immer noch unglaublich heiß aussieht, um uns Frauen davon zu überzeugen, dass wir immer noch kein Recht darauf hätten, uns so zu kleiden wie wir uns fühlen, egal im welchem Alter wir uns befinden? Vielleicht möchte sie uns unterschwellig vermitteln, dass sie aus einer alten Generation kommt, der man nicht mehr so viel Raum geben sollte. Vielleicht möchten sie von sich auf andere schließen. Vielleicht hat sie erkannt, wie unwichtig ihr Wort geworden ist und musste verbal austeilen um noch einmal wahrgenommen zu werden.

Früher war ja bekanntlich oft alles besser. Früher kleideten sich Frauen nach der gesellschaftlichen Norm.

„When women’s bodies no longer serve any child-bearing purpose, we find flaunting them disturbing and slightly tragic. I don’t claim that this is fair. But it’s true. This doesn’t mean older women should give up and go into purdah. There’s nothing wrong in wishing to be desirable – it’s just not best achieved wearing a black lace corset in public. One of the great plusses of growing older is gaining the confidence and freedom to value yourself as something other than a sexual object.“

Diese Art von Gedanken über uns Frauen sollte es nicht mehr geben. Diese Worte sollte man nicht mehr drucken oder online veröffentlichen. Wie muss es sein, so zu urteilen und doch innerlich zu wissen: Es ist einfach nur wieder eine miese Art andere Frauen klein zu halten, ihnen zu erzählen wann sie sich wie kleiden dürfen und, dass das Älterwerden wieder nur die Bürde der Frau wäre.

Frau Alexandra Shulmann, ich wünsche ihnen alles Gute, aber vor allem eine Gesellschaft die sie genau so behandelt und über sie denkt, wie sie über andere Frauen. Das wäre in ihrem Fall die größte Strafe für solch einen undifferenzierten „Von vorvorgestern“– Artikel. Manchmal denke ich an diese Zeit zurück, in denen man der Gouvernante unterstand, in der wir nur neben dem Mann ein nettes Bild ergaben und in erster Linie jung und knackig sein mussten. Ich freue mich, das nicht mehr mitzuerleben.
Aber dieser Typ Gouvernante kann gern die Bühne verlassen, er ist nicht mehr wichtig.

Hier geht es zu dem unsäglich schlimmen Artikel.
Memo an mich: Auch mit 61 Jahren noch offen und cool blieben!

Kommentare

4 Kommentare zu “Älter werden als Frau? Dann bitte anpassen oder gleich verstecken.”
  1. Iris sagt:

    Liebe Franzi, ich bin sprachlos. Sprachlos über so viel Dummheit von einer Frau, die eine der höchsten Positionen im (Mode)Journalismus bekleidet (haha, Wortwitz) hat, die eigentlich einen hohen Intellekt, Reflexionsfähigkeit und eine feministische Einstellung meiner Meinung nach zur Voraussetzung hat.

    Danke deshalb für deine umso klügeren Worte.
    In diesem Sinne: happy Sunday (und GO HELENA).

  2. Dagmar sagt:

    Hey, ich bin 67 seit ein paar Tagen, aber das ist für much nur eine Zahl. Ich schminke mir auch noch rote Lippen, wenn mir danach ist und pfeife auf ähnliche Meinungen, dass mit zunehmendem Alter das Makeup abnehmen müsse. So richtig erkannt und auf den Punkt gebracht liebe Frances 👌…. wir lassen uns nicht vorschreiben wie wir uns zu fühlen und zu kleiden und , nicht zu vergessen, zu benehmen haben….
    Früher wäre mir da regelrecht eine Feder gewachsen, heute kann ich über die Ansichten und Belehrungsversuche solcher mitleidig lächeln…. das ist vielleicht MEINE Altersweisheit 😉

  3. Liebe Franzi,

    ich kann Dir nur zustimmen. Das, was Frau Shulman da von sich gegeben hatte, finde ich einfach nur dämlich. Das kam zumindest mir gleich in den Sinn, als ich diesen Artikel des Grauens (wie ich ihn für mich genannt habe) gelesen habe. Von ihrem Beruf ist ihr offensichtlich nichts hängen geblieben. Anders kann ich mir das Statement von ihr nicht erklären. Auf keinen Fall sollten wir uns vorschreiben lassen, wie wir uns zu kleiden oder zu verhalten habe.

    Liebe Grüße,
    Christina Jade

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