Kolumne

Du bist nicht besser, wenn du über andere urteilst.

9. Dezember 2018 • 2 Kommentare

Wir schieben uns durch das Gemenge. Samstags in die Stadt, wie konnte ich nur darauf kommen? Ach ja, um der alten Zeiten willen. Kennt ihr diese Anfragen von ehemaligen Kommilitoninnen, ehemaligen Schulkameradinnen oder Urlaubsfreundschaften?

Du bist nicht besser, wenn du über andere urteilst.

Wir sind ja einmal in der gleichen Stadt, dann lass uns doch treffen. Na gut, es kann ja eigentlich nur um ein nettes Gespräch und toll Erinnerungen gehen, zumindest laufen die meisten Begegnungen dieser Art so ab.

Also treffen wir uns zu viert am ehemaligen Treffpunkt. Vor fünf Jahren war es nicht nötig zu sagen wann und wo. Heute müssen wir uns koordinieren und wie wild winken, damit wir uns auch ja erkennen. Ich meine vorzugsweise mich und mein Talent andere Menschen nicht zuerkennen. Manchmal sollte ich einfach meine Brille aufsetzen, um so meine Umwelt schneller wahrzunehmen. Dann würde es nicht immer so unhöflich aussehen, wenn ich selbst in geringster Entfernung niemanden auf den ersten Blick erkenne.

Wir alle haben uns verändert und begrüssen uns mit einer gewissen Schüchternheit.

Wir wissen nicht mehr viel voneinander. Vielleicht alle anderen noch mehr über mich als ich über sie, da fast niemand mehr noch regelmäßig online seinen Wohnort oder gar seinen Beziehungsstatus aktualisiert. Das war früher anders. Erst jetzt erfahre ich, dass zwei von uns Kinder haben, kurz vor der Hochzeit stehen oder noch einmal umziehen.

Nummer fünf wird später zu uns stoßen- Sie steckt noch irgendwo fest. Kein Problem, wir gehen ein paar Meter und suchen uns ein nettes Café aus.

Auch wenn wir nicht wirklich die Wahl haben, tun wir alle dennoch so, um die Zeit etwas zu stecken. Wir sitzen uns dann gegenüber, bestellen und quatschen über damals bis heute. Wir sind alle irgendwo anders gelandet. Die eine bei einem großen Autohersteller, die andere bei einer Fluggesellschaft, die dritte steht regelmäßig vor Kindern, und ich in der Medienbranche. Nummer fünf hat einen völlig anderen Weg genommen und wird an diesem Abend nicht mehr vorbeikommen. Wir alle erfahren erst später, über Dritte und am Ende über eine nette Facebooknachricht, warum das so ist.

„Sie wäre enttäuscht von uns und unserer Entwicklung. Konsummonster, systemtreu und völlig falsch gepolt. Unsere Vorbildfunktion ginge gen Null und sie würde sich schämen, sich mit uns zu treffen. Sie braucht keine Tussis in ihrem Leben“

Saß das? Nein, nicht wirklich. Ich habe keine Ahnung wer diese Person heute ist. Und sie weiß genau so wenig von mir oder von den anderen drei Damen mehr als das was im Dorf so erzählt wird. Vor fünf Jahren habe ich selbst das letzte Mal ein Lebenszeichen auf Facebook aus unserem ehemals gemeinsamen Dorf von ihr gesehen, das wars. Vielleicht hat sie sich gefunden, vielleicht wollte sie uns bekehren, aber vielleicht wollte sie nur einmal richtig Dampf ablassen. Ich kann es auch tage später nicht einordnen und frage mich ab und an: Warum schreibt jemand solche Gedanken auf und sendet sie ab, ohne über sie nachzudenken.

Drei Wochen später stehen wir zufällig in der gleichen Schlange, beim großen M. Ich am Café mit meinem wieder ausführbarem Coffee to Go Becher, sie mit einer Menge Tüten und zwei Kindern im Arm. Sie kann mich nicht sehen, ich sie aber. Trotz meiner ständigen Tagesblindheit, weiß ich sofort wer sie ist. Ein paar Stunden später juckt es mir dann doch in den Fingern und ich antworte auf Facebook auf ihre Nachricht:

„Na, hat dich der Konsum heute im großen M auch erwischt und by the way: Schöner Pulli! Den habe auch, vom Schweden- wir Tussis im Geiste.“

Wir sind so schnell im Tippen und Meinung sagen heutzutage. Mir zeigt es aber, dass ich hoffentlich nie zu schnell urteilen werde, mich immer mit den Menschen unterhalten und mich mit ihrem Leben auseinandersetzen muss. Was ich sehe, was mir jemand zeigt und sagt muss nicht zwangsläufig stimmen. Was wir tun ist nicht immer richtig, nachhaltig und vollständig durchdacht. Aber wie würde jeder von uns reagieren, wenn du einfach nur beleidigt wirst, anstatt dir vielleicht einen Tipp zu geben, um es besser zu machen? Und was ist, wenn du selbst nicht so heilig bist, wie du es dir gern vorstellst?

Ein böses Wort ist immer schnell ausgesprochen und ein voreiliges Urteil ist immer schnell gefällt vor allem dank all den Social Media Möglichkeiten. Ein bisschen kann ich die anderen 3 Damen jetzt verstehen, wieso sie sich lieber offline treffen. Online wirken wir gern so, wie wir uns sehen und urteilen schnell über  das, was uns aufstößt.

Es scheint heute eine Kunst zu sein, sich in andere hinein zu versetzen und Probleme oder Fehler in einem sachlichen Ton anzusprechen- Oder machmal einfach die Klappe zu halten.

Wir sind alle nicht perfekt, aber vielleicht macht es uns schon zu besseren Menschen, wenn wir mit Empathie und einer gewissen Rücksicht durch die Welt gehen und nicht wahllos böse Worte verteilen. Schön wäre es auch: Kritik einfach persönlich anzusprechen. Man trifft sich ja oft mehr als nur einmal im Leben.

Kommentare

2 Kommentare zu “Du bist nicht besser, wenn du über andere urteilst.”
  1. Des sagt:

    Dein Beitrag erinnert mich an einem Gespräch von letzter Woche mit einer Kollegin. Vorurteile und verurteilen, sich schnell eine Meinung bilden ohne nachzudenken.. ja, ich finde es ist menschlich. Obwohl es mir bewusst ist, dass nichts ist so wie es aussieht, ertappe ich mich doch ab und zu mal wie ich mir eine Meinung bilde ohne viele Details zu kennen.. Beispiel- neuer Kollege, denn ich durch Zufall von früher kenne ( in einem Projekt zusammen gearbeitet ).. Damals echt nur negatives gehört und gesehen.. jetzt das gleiche Spiel.. bis ich wieder mal durch Zufall seine Geschichte kennen lerne.. na ja die erklärt einiges.. Aber mögen tu ich ihn trotzdem nicht.
    Das Problem heutzutage ist, dass man Online ständig das Gefühl hat, es wird einem was vorgespielt. Alles ist super, eine Person ist in der Lage tausende Sachen zu mögen, lieben etc.. Konsummonster.. und irgendwann wird es zu viel.. Leute die man früher kannte und mochte, erkennt man viell nicht mehr. Man ist auch im Alltag überfordert. Viell sucht man auch nach einem Grund sich mit der ehemaligen Freundin nicht zu treffen. Alles eigentlich verrückt.. ich für mich finde es sowieso unerklärlich warum ich jemanden treffen soll, den ich vor 3-4 Jahren zum letzten mal getroffen habe. Da bin ich aber viell algemein seltsam. Mag es nicht viele Leute in meinem Leben haben und „lasse Einige durch einen Sieb flutschen“. Aber im ernst- Menschen die uns verurteilen und Vorurteile gegen unsere Arbeit haben, einfach so, brauchen wir eh nicht.
    Ich mag deine Gedanken 🙂

  2. Viola sagt:

    Empathie und Respekt sind keine Selbstverständlichkeiten in unserer Zeit. Danke fürs Erinnern.
    Lieben Gruß
    Viola | http://www.violawundervoll.net

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