Kolumne

I Regret something – Ich bereue etwas

Es gibt einen ganz plausiblen Grund, wieso ich den Muttertag so hochhalte und euch mit Themen dazu bombardiere. Denn ich hatte ihn nie, den Dad. Das klingt jetzt traurig und vielleicht erklärt es auch den einen oder anderen Wesenszug an mir. Aber eigentlich war ich immer froh mit meiner Mutter groß zu werden. Also keine Sorge, ich bin gut aus der Sache herausgewachsen.

I Regret something - Ich bereue etwas

Aber erst rückblickend habe ich erkennen können, dass meine Mutter eine starke Frau war und immer noch ist. Ich war ich ein Kind, das den Verlust der „ganzen“ Familie nicht fair gegenüber ihr verarbeitet hat.

Ich habe nie wirklich verstanden wieso mein Vater die Familie verlassen hat. Im ersten Moment war es pure Erleichterung, denn es gab keine lauten Streitereien mehr, bei denen ich mir selbst im Kinderzimmer die Kissen an die Ohren drücken musste. Es gab keine Wutausbrüche mehr, es gab nur noch Ruhe. Aber die wurde mit der Zeit zu Schuld. Erst habe ich sie bei mir gesucht, ewig immer gehofft, dass er sich meldet, mir tolle Geschenke macht und überhaupt an meinen Geburtstag denken würde. Ich bin ja immer noch seine einzige Tochter und es gab keine logische Erklärung wieso er nicht einfach da war. Doch ich glaube die Zeit, das Leben und die frühe Ehe haben dazu beigetragen, dass ich zu viel war. Ein Kind, das weiß ich heute, fordert unabdingbare Liebe. Bekommt es sie nicht, kann es in alle Richtungen gehen. Ich wurde laut und frech und hatte wenig Lust auf Pflichten. Meine Mom war einsam, der Mann den sie wahrscheinlich so sehr liebte, dass sie selbst all die Eskapaden ausblenden würde, hatte weder Zeit für sie noch für mich. Wir waren ausgelöscht. Weg von der Bildfläche und hatten nur noch uns, was mir als Kind und Teenager im Nachhinein einfach nicht ausreichte. Ich hätte ihn bestimmt auch gebraucht, den Wegweiser, die strenge Stimme, die Lebenserfahrung.

Stattdessen glänzte er mit Abwesenheit und albernen Ausreden. Ich habe lange Zeit gebaucht um zu verstehen, dass weder ich noch meine Mutter am Gehen meines Vaters schuld waren. Er allein hat sich gegen die Familie entschieden und nahm dabei auch gleich alle Gefühle mit. Ich wollte immer wieder, dass er stolz auf mich ist, dass er mich lobt und anderen von mir erzählt. Dabei betrachtete ich meine Mutter eher als Feind, als Sündenbock und vielleicht auch als zu schwach, um wieder so auf die Beine zu kommen wie vor der Scheidung. Doch heute weiß ich sie war stark, sie hat der Versuchung meines Vaters widerstanden und ist nicht zurückgegangen. Hat sich nicht zufrieden gegeben mit der Platzwahl im hinteren Viertel und wollte mich nur schützen. Sie wollte nicht, dass er zurückkommt, weil er nicht bereit für uns war. Vielleicht habe ich es früher schon geahnt, aber es hat viel Zeit benötigt um zu dieser Erkenntnis zu kommen. Erst als ich ihn und die damit ewig verbundene Suche nach Anerkennung von ihm aufgab und den Fokus auf meine Mom legte, wurde mir bewusst wie viel Zeit ich damit verschwendet habe. Ich gab jemandem Chancen, ließ Türen offen und schluckte gemeine Worte, für eine Person, die das gar nicht registrierte.

Heute weiß ich, meine Mom ist die Stärkere. Sie zeigt es selten, ist genau wie ich eine Frau, die sich das Süße und Liebe nie abtrainiert hat und es gern hinter netten Worten versteckt. Aber wer ohne Hilfe eine freche Göre großzieht, einen 45 Stunden Job rockt, den Mann ihres Herzens hinter sich lässt für eine bessere Zukunft, der muss eigentlich jeden Tag ein Danke hören. Ich hoffe, ich kann das was ich gelernt habe über mich und über das Muttersein irgendwann einmal weitergeben und wre froh, wenn meine Kinder genauso stolz auf mich sind, wie ich es heute auf meine Mutter bin. Ob mit Mann oder ohne. Meine Mutter hat in mich investiert: Leben, Nerven, Träume- mein Vater vielleicht auf seine ganz verschrobene Art und Weise ebenso. Vielleicht auch weil er nicht da war, bin ich heute so wie ich bin. Gar nicht so ein stilles, liebes Mäuschen wie ihr immer vermutet. Dafür muss ich ihr danken. Genau deshalb ist der Muttertag und all die vielen Worte und Posts so wichtig für mich.

Ich bereue, dass ich das nicht schon viel früher erkannt habe, wie stark Mütter sind.

Liebe Grüße

Kommentare

Bisher 9 Kommentare zu “I Regret something – Ich bereue etwas”

  1. Vany sagt:

    Wunderschöner und ehrlicher Post!

  2. Valerie sagt:

    Das hast du wunderschön geschrieben

  3. Maren sagt:

    Danke Franzi, dass du uns so viel von dir privat zeigst, was dich, auf die ein oder andere Weise angreifbar macht.
    Ich selbst hatte nicht die beste Kindheit (Mutter krank, Vater Riesenar***).. Letztendlich habe ich sehr viel Zeit bei meinem Großeltern verbracht. Sie sind sozusagen meine Helden. Ohne sie hätte ich meine Kindheit in Kinderheimen oder Pflegefamilien verbringen müssen.. Also DANKE Oma &‘ DANKE Opa .. &‘ das 365 Tage im Jahr ❤️
    &‘ danke nochmal Franzi ☺️
    Liebe Grüße
    Maren ?

  4. Brini sagt:

    Ein so ergreifender und toll geschriebener Post. Deine Mum hat da wirklich allen Dank und Lob verdient. Man muss sich viel öfter daran erinnern, was doch eigentlich alles für ein getan wurde.
    LG
    Brini

  5. Manuela sagt:

    Toller Post, von und für eine starke Frau?? unsere Mütter formen uns zu dem, was wir sind?

  6. […] – auf viel zu vielen Blogs mehr gehyped als je zuvor. Nichtsdestotrotz muss ich sagen der Beitrag "I REGRET SOMETHING – ICH BEREUE ETWAS" von Franzi (zukkermaedchen.de) hat mir sehr gut gefallen und sticht definitiv […]

  7. Steffi sagt:

    Saustarker Text, super!!!
    LG Steffi / redseconals.com

  8. Ein sehr schöner Text. Meine Mutter war auch so eine Frau, mit 4 Kindern und einen Mann der nichts taugte, war es nicht immer leicht für sie. Aber sie opferte für uns Kinder ihr leben und davor ziehe ich meinen Hut. LG

    featheranddress.com

  9. Luisa Bier sagt:

    Ich möchte danke sagen. Weil du meine Mum zu Tränen gerührt hast. Unsere Beziehung wurde von ähnlichen Umständen beeinflusst, obwohl ich meine, dass sie einer etwas anderen Art war. Ich habe meiner Mutter immer den größten Respekt dafür entgegengebracht, wie stark sie ist. Da muss ich zum Glück nichts bereuen. Sie hat für mich alles möglich gemacht, egal wie schwer die Umstände waren. Ich konnte mit ihr immer über alles ganz ehrlich reden. Denn sie hat mir immer vertraut, dass ich die richtigen Entscheidungen treffen würde. Bei Partys, Ausgehzeiten, Freunden, der Schule. Das war auch ganz richtig so, denn für mich war das erziehungstechnisch gesehen auf jeden Fall der richtige Weg. Für meine Schwester hat sie genauso versucht einen richtigen, wenn auch etwas anderen Weg zu finden. Sie eine so wundervolle Frau, die alles Glück der Welt verdient und als ich ihr deinen Text gezeigt hat sie das sehr gerührt. Mich aber genauso und ich will deiner Mutter meinen Respekt dafür aussprechen, wie gut sie das alles gemacht hat. Seine sanfte, fröhliche Seite bei so etwas nicht einzubüßen ist sicherlich sehr, sehr schwer.

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