Kolumne

Spontan bin ich vielleicht lieber morgen

6. Dezember 2015 von

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Ich lehne mich zurück, habe gerade das Telefon beiseite gelegt und ein Treffen abgesagt. Ich halte noch den warmen Kaffee in meiner Lieblingstasse in der rechten und greife die Fernbedienung mit der linken Hand, als sich das schlechte Gewissen doch ganz langsam bemerkbar macht. Bin ich zu bequem geworden? Gehe ich den Weg des geringsten Widerstandes und habe ich mich gerade schon wieder lieber für die Couch und gegen Geselligkeit entschieden?

Spontan bin ich vielleicht lieber morgen

Könnt ihr euch noch an die Zeiten erinnern als Spontanität zum festen Bestandteil des Alltags gehörte? Heute Abend bei dir? Sehr gern! Als die Nacht dann doch ungeplant durchgemacht wurde und man die nächsten Wochen noch von den aufregenden Begegnungen und Geschichten erzählen konnte? Morgens ohne Vorbereitung mit in den Urlaub? Der Gruppe einfach so angeschlossen und die besten Leute kennengelernt? Ja, das klingt verlockend, passiert aber irgendwann nicht mehr. Wir werden bequem. Wir beschreiben es gern auch als erwachsen werden. Irgendwann krabbelt der Gedanke ganz heimlich in unsere Köpfe und breitet sich aus. Ungewohnte Sätze wie „Das habe ich nicht mehr nötig“ oder „Dafür bleibt nun keine Zeit mehr“ klingen auf einmal gar nicht mehr so fremd. Nein, sie werden zu unseren ständigen Begleitern. Doch vielleicht dienen sie uns auch als perfektes Albi? Sind wir zu bequem geworden um den Spaß und die schöne Zeit voll auszunutzen? Oder ist das im Leben irgendwann nicht mehr wichtig? Setzen wir mit dem Älterwerden andere Prioritäten und entwickeln uns von der Partymaus zur soliden Arbeitnehmerin mit Freizeit nur am Wochenende?

Irgendwie hört es sich ein wenig traurig an, wenn wir mit Mitte zwanzig lieber auf der Couch sitzen anstatt die Welt zu sehen, andere Lebenspläne kennen zu lernen und die Zeit mit tollen Menschen zu verbringen. Geburtstagsfeten werden schnell einmal abgesagt, weil man morgens wieder auf der Matte stehen muss. Das Kind kommt nicht unter, der Hund ist erkältet und eigentlich ist es ja auch so schön muckelig zu Hause. Ja die Spontanität schwindet, das Interesse am Leben der anderen wird geringer und der eigene Antrieb geht irgendwann verloren. Dann und wann, wenn wir via Facebook und Co. durch Videos und Statements wieder einmal an die gute alte Zeit erinnert werden, die wilden Erinnerungen und die kurze Zeit auf Erden, gibt es ein kurzes Internet Aufbegehren- was aber oft nur im Teilen des Gedankens oder in der Nachricht endet: „Ja ,wir müssen uns irgendwann unbedingt mal wieder treffen.“

Die Komfortzone zu verlassen fällt uns immer schwerer, die Ausreden werden immer besser und wir begeben uns in einen feinen kleinen Kokon. Dieser Ort ist kuschelig, bietet eine gewohnte Umgebung ohne große Vorkommnisse – alles wird genau geplant, das Essen, der Schlaf, das Freunde Treffen, ja das ganze Leben verläuft nach einem wunderbar unaufgeregten Zeitplan. Spontanität wird zu einem Fremdwort und jeder kann verstehen, wie anstrengend das Leben sein kann, wenn dieser Plan aus den Fugen gerät. Kurzfristige Verabredungen werden seltener, die Abende zu Hause häufen sich und wir haben einfach vergessen wie es ist, nicht nur an die Bequemlichkeit zu denken. Praktisch und gewohnt ist eben letztendlich doch ein besseres Gefühl als fremd und neu. Ich wette wir haben alle die eine Ausrede parat, die uns vor unserer eigenen Spontanität rettet und uns in der Komfortzone hält, oder?

Meine lautete an diesem Abend: „Ich habe gerade so viel zu tun mit meiner Arbeit und eigentlich kenne ich dort doch gar keinen.“ Ich habe mich dennoch fertig gemacht, bin spontan ausgegangen und habe einen der besten Abende gehabt. Nicht einmal bis ins Morgengrauen, aber lange genug um nette Menschen kennenlernen zu dürfen.

Liebe Grüße

Kommentare

Bisher 12 Kommentare zu “Spontan bin ich vielleicht lieber morgen”

  1. Doro sagt:

    Ein wunderschöner Text. Das gleiche beobachte ich bei vielen Menschen, machmal auch bei mir und das, obwohl ich noch Schüler bin und nicht Mitte 20. Ich vermisse diese Spontanität unglaublich.

  2. Vivi sagt:

    Oh das hast du schöngeschrieben. Ja irgendwie geht das wirklich unter, auch bei mir.
    Ich bin in gewissen Situationen einfach froh einmal daheim allein zu sein, und würd mich eventuell nicht so sehr freuen, wie wenn spontan ne Freundin vorbeikommen würd.

    Ganz liebe Grüße, Vivi
    vanillaholica.com 

  3. S. sagt:

    Schöner Post! Ich muss da gestehen, dass ich bei dem Thema schlicht und ergreifend nicht mitreden kann, da ich (als Teenager) momentan eben jenen spontanen Lebensstil habe, weshalb ich dies auch sein lassen werde und einfach bemerke, dass sich der Text sehr schön liest und doch etwas nachdenklich stimmt.
    Liebe Grüße
    S.
    http://cappuccinocouture.blogspot.de/

  4. Madeleine sagt:

    Du triffst es absolut auf den Punkt. Mir fällt das auch oft auf, dass ich Treffen, Urlaub und selbst Einkaufen mittlerweile längerfristig plane und wehe da kommt mal etwas Spontanes dazwischen. Man wird so bequem und findet schnell tausend Ausreden…

    Viele liebe Grüße
    Madeleine
    Maracujabluete.com

  5. ANNIE sagt:

    Schöner Post! Ich mag es total,wie du schreibst!

  6. Kirsten Wick sagt:

    Oh ja! Neulich war ich in Wien mit meinem Mann an der Karlskirche auf dem Weihnachstmarkt als wir sahen, dass in der Kirche ein Konzert stattfand: Vvivali – Vier Jahreszeiten. Es war 20 Minuten, bevor es los ging und wir fragten, ob es noch Karten gaebe. Die gab und es war tatsaechlich eines der schoensten Dinge, die wir je gemacht haben. Und ich bin fast Mitte 40 und will mir so etwas immer bewahren. Es war so perfekt in der Karlskirche, der Rahmen, die Stimmung, einfach alles. Na ja und nun ziehen wir bald nach Grossbritannien und haben gar nicht so Lange gefackelt! Liebe Gruesse, Kirsten

    http://www.thelifbissue.com

  7. Kirsten Wick sagt:

    Sorry Vivali – mein autocorrect schreibt eh alles falsch 🙂

  8. Jessy sagt:

    Schöner Text! Und leider wahr. Ich ertappe mich auch immer häufiger dabei Verabredungen abzusagen oder nicht auf Parties zu gehen, weil die Couch ruft. Schade. Ich glaube ich nehme mir für das neue Jahr vor das zu ändern.

    Liebe Grüße
    Jessy

  9. berit sagt:

    Hach, das fehlt mir auch, nur leider kann ich das Kindlein abends wirklich nicht allein lassen, wenn der Mann zur Nachtschicht aufbricht 🙁 Verzwickt!

  10. Giselle sagt:

    Du sprichst mir aus der Seele. 🙂 Ich bin auch viel zu bequem geworden.. nichts desto trotz finde ich diese Entwicklung auch etwas schönes. Zu Hause zu bleiben ohne schlechtes Gewissen zu haben. Ich und mein Partner gehen immer noch aus.. aber halt bei weitem nicht so viel und nicht so lange wie vor 10 Jahren.

    Liebe Grüsse
    Giselle

    http://www.gisellejewelry.com

  11. Paola sagt:

    Über dieses Thema musste ich auch schon viel nachdenken. Einerseits wäre ich gerne manchmal noch ein bisschen spontaner und hätte gerne mehr Events in meinem Leben. Andererseits bin ich aber auch froh, dass ich endlich mit mir alleine sein kann. Früher musste ich jedes Wochenende auf Tour und auch unter der Woche am liebsten so oft es geht zu einer Verabredung / zum Sport. Ein Wochenende alleine zu Hause trieb mir tatsächlich die Tränen in die Augen. Jetzt mag ich mein Sofa, Serien, Bücher und vor allem das Kochen. Wovon ich mich früher ernährt habe, kann ich gar nicht mehr so genau sagen. 🙂 Aber trotzdem werde ich mir für 2016 vornehmen, meine Komfortzone doch wieder öfter zu verlassen. An der Mischung kann man auf jeden Fall noch arbeiten.

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