Kolumne

Letters to myself: Kann ich die Liebe bitte neu für mich definieren? Danke

30. Dezember 2018 • 10 Kommentare

„Zeig her deinen Ring! Wow ist der groß- er liebt dich wirklich! Du solltest auch mehr Bilder von euch hochladen oder zeigen, dass du vergeben bist. Wieso machst du dich immer über „Schatz“ lustig? Wie, er lädt dich nicht ein?“

Letters to myself: Kann ich die Liebe bitte neu für mich definieren? Danke

Liebe sieht anders aus für mich. Sie hat für mich kein festes Bild. Natürlich gibt es Pflichtumgangsformen in unserem Kosmos und hier kannst du deine Liebe wie viele andere teilen, so dass man sie auch sieht. Händchen halten, Kosenamen, Hochzeit, Liebesbeweise die alle für echte Liebe halten und es oft auch sind.

Aber irgendwie bin ich nicht der „Schatzi“-Kosenamen-Typ. Irgendwie muss sich die Liebe bei mir nicht so zeigen. Ich habe etwas länger gebraucht um zu begreifen, dass es unzählige Definitionen von Liebe gibt.

Ich bin auch gern mal allein und möchte, dass mein Partner eigene Interessen hat und für sich selbst wie vorher leben kann, nur mit der Option seine Gefühle und Zeit gern mit mir verschwenden zu können. Das bin ich. Das kann ich mehr mit Liebe verbinden, und diese Definition hätte ich gern viel früher für mich entdeckt. Jemanden zu haben mit genau dem gleichen schlechten Humor, jemanden der mich im Kleinen und Großen ergänzt, aber mich nicht übernimmt, ausnimmt oder verändert. Dann lieber mit Erfahrungen zusammenwachsen aber immer allein überlebensfähig bleiben.

Keine Sorge, das ist keine „Sich immer alles offen halten“-Einstellung.

Ich glaube nur es ist gesünder für mich in einer Beziehung zu sein, bei der beide Vertrauen ineinander haben, das aber keine großen Beweise braucht. Diese Art von Beziehung fordert keinen Ring am Finger oder sucht nach Sicherheit und Geborgenheit, nur um zu 100% komplett zu sein. Es ist mehr die Liebe, die das Leben zusammen schöner macht und Momente viel größer, weil ich sie teilen kann und wichtiger noch, weil ich sie allein nicht so intensiv erlebt hätte. Aber sie soll dich nicht binden, bevormunden, einschränken oder zu etwas zwingen, was du im Grunde deines Herzens nicht willst.

Seltsam, wie wir die Liebe immer glorifizieren oder mit Beweisen unterlegen müssen um am Ende doch einzusehen, dass Liebe so viel mehr ist als das alles.

Das große Ganze sieht im Alltag ganz anders aus. Die Liebe muss den Alltag erst einmal ertragen und überstehen. Dann zeigt sich, wie das „Für immer und ewig“ aussehen kann und ob wir heute noch den Mut haben, nicht ständig auf gepackten Koffern zu sitzen- weil es ja immer noch eine bessere Option geben könnte, oder weil allein zu sein auch keine Lösung ist.

Liebe ist leider nicht so einfach, wie ich es gern gehabt hätte. Liebe ist an manchen Tagen anstrengender als ein Marathonlauf- Aber es lohnt sich doch immer wieder loszurennen, dranzubleiben und Chancen zu geben.

Wenn wir aufwachsen ist Liebe etwas ganz Unabdingbares. Wir brauchen sie, wir stellen sie nicht in Frage, die Liebe zu Mutter, Vater, Schwester, Oma, Tante oder zu Freunden. Wir suchen die Nähe, weil wir sie benötigen und wir nehmen sie uns. Irgendwann hört das auf und wir fangen an uns zu schämen, nehmen uns zurück, sind verhalten, schüchtern und haben mehr Angst Liebe nicht erwidert zu bekommen, als die Liebe zu genießen. Wir stellen sie mit materiellen Dingen in Verbindung, wollen, dass sie uns ergänzt, verbessert und glücklich macht und haben dabei ganz schnell vergessen, was Liebe schlussendlich für uns ist.

Ich dachte früher auch immer in der Liebe würden große Gesten, Geschenke und die pure laute Aufmerksamkeit zählen. Liebe muss doch schließlich sichtbar sein, dann ist sie auch richtig. Erst dann macht es die Liebe zu einem anderen Menschen perfekt.

Schon verrückt was Liebe alles bedeuten könnte, wie wir aber gleichzeitig vergessen, was sie wirklich definiert. Vielleicht weil uns Filme, Freunde und das Internet immer erzählen wie die Liebe zu sein hat? Immer rosarot, immer am Laufen, immer spontan, immer ohne den unromantischen Alltag, den wir allzu gut kennen?

Dabei ist sie erst richtig gut, wenn man sie fühlt. Und das kann sich gut und schlecht anfühlen, sie kann den Alltag füllen oder ganz nebenbei da sein. Ich habe gelernt auf die kleinen Dinge zu achten und durchzuhalten wenn es anstrengend wird; mich nicht von lauten Gesten blenden lassen, aber auch Schlussstriche zu ziehen und zu akzeptieren, dass selten etwas Besseres oder Schöneres daherkommt, nur weil ich mich gerade langweile oder nicht zufrieden mit mir bin. Dann liegt es oft nicht an der Liebe, sondern an mir selbst. Und die schönsten Liebeserklärungen wirken nicht echter, wenn ich nichts mehr fühle.

Ich habe keinen Ring am Finger, keinen Beziehungsstatus online und keinen Kosenamen für meinen Freund. Ich werde trotzdem geliebt und bin trotzdem glücklich. Das hätte mir ruhig mal eher auffallen können.

Darf ich Liebe bitte neu definieren- für mein jüngeres Ich und die ganze Welt?
Danke.

Kommentare

10 Kommentare zu “Letters to myself: Kann ich die Liebe bitte neu für mich definieren? Danke”
  1. Verena sagt:

    Wunderbar und so treffend geschrieben! Es ist eine echte Wohltat, diesen Text zu lesen. Danke!

    xx
    Verena

  2. Saskia sagt:

    schön geschrieben.
    Manchmal ist es schwer differenzieren, was man eigentlich wirklich fühlt und was man nur durch Social Media oder Filmen glaubt zu fühlen oder fühlen zu müssen.

    Saskia

  3. Uli sagt:

    Ich kann mir vorstellen, dass junge Leute manchmal durch Social Media und Filme etc. Denken es ist immer als wie den schreibst – romantisch, spontan etc.
    So ist die Liebe aber nicht. Eventuell sind deshalb viele junge Menschen schnell wieder getrennt wenn es schwierig wird, was ja das „Geheimnis“ unserer Großeeltern ist. Auch zueinander zu halten wenn die Zeiten nicht Ideal und rosarot sind.
    Schön geschrieben und eigentlich nur durch eine Erwachsene Sicht angeschaut. Ich wünschte manchmal, dass ich solche Blogeinträge bereits vor 15 Jahren gelesen hätte. Es hätte viele Dinge einfacher gemacht!

    • Franzi sagt:

      Liebe Uli! Mir ging/ geht es da immer noch oft genug genau so. Irgendwie will man vielleicht auch das glauben, was einem über die Liebe so erzählt wird. Aber eigentlich ist es auch schön an den eigenen Erfahrungen zu wachsen. Nur als Teenager hätte ich trotzdem gern auf die eine oder ander emotionale Probe verzichtet 😉 Rückblickend war es gut so, wie es passiert ist- aber in dem Moment: Die Hölle
      Alles Liebe dir

  4. Katja sagt:

    Ich glaube, das ist für mich dein absolut wunderbarster (gibt es das Wort 😉?) geschriebener Text! Ich finde mich darin so sehr wieder. Ich bin sehr gespannt, wie sich meine 12-jährige Beziehung dieses Jahr entwickelt – es gibt ja viele Möglichkeiten des Zusammensein und für alles gibt es seine Zeit. Alles Liebe, Katja

  5. Sara sagt:

    Ein wirklich toller Text! Es ist beruhigend deine Gedanken zu lesen! Gefühlt, bin ich in meinem Umfeld die Einzige, die auch so denkt und fühlt…. Das hat mir manchmal Angst gemacht. Es tat wirklich gut, zu lesen, dass ich wohl doch nicht so anders bin. Es hat bzw dauert wirklich lange, bis man begriffen hat, dass es auch so, wie beschrieben, geht 😉

    Liebste Grüße

  6. larissa sagt:

    Wirklich schön geschrieben und noch schöner zu lesen <3

    Grüße,
    Larissa
    (https://salutmavie.de)

  7. Jolene sagt:

    Wow, also mit deinen Kolummnen sprichts du mir echt jedes Mal aus der Seele! 🙂 Genau so sehe ich das auch. Liebe kann man doch nicht an Geschenken, Onlinefotos/Pärchenstories/Videos oder dergleichen „messen“. Ich glaube, oft wird auch versucht eine Art Kommerzialisierung daraus zu machen, wie z.B. am Valentinstag.

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