Kolumne

Wärst du gern mit dir selbst befreundet? 

Wärst du gern mit dir selbst befreundet?

„Was für eine blöde Frage“ denke ich mir, als ich das höre. Ich grüble kurz und gebe mir selbst doch eine interessante Antwort: Jetzt schon, früher dafür vielleicht nicht in allen Bereichen.

Waerst du gern mit dir selbst befreundet?

Das mit dem Älterwerden hat ja viele Vorzüge- Unsicherheiten verschwinden oder werden einfach hingenommen. Situationen kehren wieder, bestimmte Handlungsweisen werden erkannt und durchschaut, wir fallen nur noch ganz kurz auf die Nase und rappeln uns schneller wieder auf. Die ersten Male im Leben sind immer die schlimmsten, denn wir haben noch keinen Vergleich. Wir gehen wie auf rohen Eiern durch die Welt, werden geschubst und fallen, nehmen uns manchmal selbst zu ernst und wichtig, bis wir an einem Punkt angekommen sind, an dem sich das Leben auf die eine oder andere Art wiederholt. 

Keine Frage. Es gibt später immer noch erste Male, aber die werden seltener. Gut so, denke ich mir, während ich immer noch an der Frage hänge, ob ich mit mir selbst befreundet sein möchte.

Das Ich von früher gefällt mir heute etwas weniger. An mir selbst gefällt mir rückblickend meine Offenheit und der Mut, etwas zu wagen. Gleichzeitig war ich aber auch furchtbar naiv und dumm und einfältig und hatte somit eben auch wenig zu erzählen. Heute würde ich mir wohl mit meinem damaligen Ich die Vorspeise in einem Restaurant teilen und danach gelangweilt den Tisch verlassen, da die Unterhaltung mit mir selbst sich eh nur um mich und einen sehr beschränkten Interessensradius drehen würde. Ich würde mir naive, platte Antworten geben, ein paar Floskeln vor mich hinbrabbeln und glauben, dass das eben sehr intelligent gewirkt haben muss. Ich würde mich mit dem Nachbartisch vergleichen und hoffen, dass mich jeder mag. Jeder auf diesem Planeten. 

Dabei konnte ich mich lange Zeit selbst gar nicht so leiden, wie ich war.

Mal viel zu drüber, immer auf sich bedacht und wenig Substanz dahinter. Oh muss ich dumm gewesen sein. Vielleicht aber auch nur verdammt unsicher. Unsicher nicht mehr das kleine Blondinchen zu spielen, unsicher doch zu nerven, unsicher, dass dann doch die anderen über mich reden würden. Seltsam wie ich groß wurde und erst viel später erkannte, dass ich stark für mich sein muss und ich mich selbst dazu bringen muss, mich zu verändern. An mir wachsen, lernen mal die Klappe zu halten und wirklich was drauf zu haben. Ich glaube in mir schlummerte viel zu lange viel mehr und, dass ich mich nicht traute es abzurufen. Ich war nicht wirklich bereit, diesen Deal einzugehen. 

Sobald du mehr willst, machst und etwas angehst, wird dir nicht mehr jeder wohlgesonnen sein. Du wirst dich von Meinungen, Freunden, Bekannten, der Liebe, deinem Wohnort und alten Gewohnheiten verabschieden. Du wirst große Fehler begehen und lernen müssen, dich dafür zu entschuldigen und für dich und deinen Weg einzustehen.

Du wirst dein Verhalten überdenken und dich immer häufiger selbst in Frage stellen. 

Das ist ein richtig schöner, langwieriger und teilweise wirklich ekliger Prozess, der mich Nerven gekostet hat und bei dem ich immer wieder feststellen durfte, dass ich noch lange nicht da bin, wo ich sein will.

Aber jetzt gerade im Hier und Jetzt finde ich, würde ich mir selbst eine bessere Freundin abgeben als mein früheres Ich es könnte. Ich würde mir die Meinung sagen, mir nicht nach dem Mund reden und mir nicht alles so krumm nehmen. Mir wäre der Nachbartisch egal, weil ich die eh doof fände und ich würde mehr analysieren, mehr zuhören und wieder etwas lernen. Ich wäre mir selbst zwar nicht meine beste Freundin, aber eine gute- Und die sind in diesen Zeiten doch schwer zu finden, zumindest auf lange Sicht. 

Wärst du gern mit dir selbst befreundet? 

Das ist wohl eine Frage die wir uns ab und an stellen dürfen, um uns selbst mehr zu erleben und über uns selbst mehr zu erfahren. Wenn du diese Frage mit „nein“ beantwortest, weißt du was zu tun ist. 

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