Kolumne

Ich bin nicht schwanger, ich wurde nur befördert.

10. November 2019 • 5 Kommentare

Ich bin nicht schwanger, ich wurde nur befördert.

Wie immer sitzen wir alle zusammen in unserem Lieblingscafé. Natürlich immer seltener, nicht so spontan wie früher und mit einem viel höheren Planungsaufwand.

Ich bin nicht schwanger ich wurde nur befördert

 

Wenn du erwachsen wirst, fallen die schönsten und einfachsten Dinge irgendwann einfach hinten herunter. Was in der Uni noch absolut easy ist, gestaltet sich heute viel schwieriger, weil wir nicht mehr alle zusammen in einer Stadt leben, weil es die Jobs nicht immer hergeben und weil das Leben so schnell an uns vorbei zieht, dass manche Termine einfach manchmal zu viel sind und weil die Couch und das Serienabo viel mehr locken.

I feel you.

Ich kann mich da auch nicht herausnehmen. Dennoch versuche ich jedes Treffen wahrzunehmen, um keine Neuigkeit zu verpassen und um einfach einmal wieder direkt mit den liebsten und schönsten Frauen zu quatschen, als nur Sprachnachrichten hin und her zu senden. 

Wir begrüßen uns, setzen uns eng zusammen und wollen von allen wissen, was es Neues gibt. Der Hausbau geht voran, der Hund hatte eine OP, das neue Auto hat seine Macken und der kleine Jakob versteht den Sinn einer Glastür noch immer nicht.

Als ich als Vorletzte dran bin, platzt es ganz stolz aus mir heraus: „Ich habe den Job bekommen, ein guter Deal. Und ich kann so viel lernen und vielleicht auch noch mehr von der Welt sehen.“ Kurz kommt Freude auf, es wird darauf angestoßen und zack ist die nächste an der Reihe. Sie hebt ihre Tasche, zieht ein kleines Bild heraus und legt es auf unserem kleinen Cocktail Tisch in die Runde.

Ein Ultraschallbild.

Sie ist schwanger.

 Wir drücken sie alle, von Herzen. Wir freuen uns alle für sie. Meine Freundin, nun schon die dritte in unserer Runde, ist schwanger. Sie strahlt über beide Ohren, sie ist glücklich und wir sind es ebenso. Wir gratulieren ihr, wünschen beiden, ihr und dem Mann, das tollste Kind der Welt und stoßen mit Sekt und Orangensaft auf die neuen News an. Wir sprechen über die Zukunft zu dritt. Wir spekulieren was es wird und strahlen uns immer wieder an.

Schwanger sein, das ist etwas, das müssen wir noch einmal gebührend feiern, so beschließen wir es bei unserer Verabschiedung.

Ich schnappe mir meine ebenso kinderlose Freundin und wir gehen die letzten Meter zusammen zur Bahn, weil wir das immer so machen und vielleicht auch weil wir wieder das Gleiche denken. Es muss ihr dieser Gedanke schon eine ganze Weile auf der Zunge liegen, aber auch sie hatte wohl das Gefühl, dass es an diesem Tisch jetzt nicht der richtige Moment gewesen wäre, eine grundlegende und so fest in unserer Gesellschaft verankerte Vorstellung aufzubrechen. 

Es ist unglaublich schön, dass wir bald ein neues kleines Wesen in unserem Kreis aufnehmen, aber es scheint fast so als gäbe es keinen anderen Grund Frauen zu gratulieren. 

Wenn wir den Schulabschluss meistern, gibt es eine Party. Wenn wir die Uni oder die Ausbildung erfolgreich absolvieren, gehen wir schön essen. Wenn wir den ersten Job bekommen… kommt nicht mehr viel. Auf einmal dreht sich das Blatt und wir werden immer öfter auf unser Liebesleben, die Beziehung und das Thema Kinder angesprochen. 

Je älter ich werde desto öfter werde ich gefragt, ob ich mit ihm zusammen bin, ob wir nicht zusammenziehen wollen, ob es nicht Zeit wird zu heiraten, ob denn Kinder geplant seien. Niemand fragt mich nach meinen Träumen, meinen Zielen in meinem Job und ob ich noch aufsteigen oder in eine andere Branche wechseln möchte. Es kommt so gut wie nie vor, dass mich jemand auf meinen Beruf anspricht.

Das Thema „Job und wie ich dort vorankomme“ ist nicht relevant.

Spreche ich das Thema von allein an, kommt kaum ein Dialog in Gang. Es ist schlichtweg nicht interessant, wenn ich über Geld, Gehalt, Missstände oder neue Jobs spreche. Es ist kaum eine Reaktion im Gesicht meines Gegenübers zu sehen, wenn ich über eine kommende Reise und meine Aufgaben spreche. Natürlich ist es schön die Liebe zu finden, glücklich zu sein, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ich setze das aber mehr damit gleich, dass wir erwachsen werden und es einfach dazugehört sich seine eigene Familie aufzubauen.

Aber das Erreichen von Zielen im Job, in der Ausbildung oder in einer Weiterbildung ist etwas Zusätzliches.

Es ist ein weiterer Meilenstein, den wir Frauen zusätzlich zur Liebe, zum Kind und zum Haus schaffen. Warum ist das in unseren Augen dann nicht mindestens genau so viel wert? 

Wieso ist das Verlieben, das Heiraten und das Kinder bekommen ein Grund mir zu gratulieren, aber nicht wenn ich einen weiteren Abschluss absolviere, wenn ich mich selbstständig mache, wenn ich in die Politik gehe, wenn ich einen neuen Job annehme,…?

Warum ist eine Beförderung kein Grund einer Frau genauso zu gratulieren wie wenn sie verkündet, dass sie schwanger ist?

Kommentare

5 Kommentare zu “Ich bin nicht schwanger, ich wurde nur befördert.”
  1. Stefanie sagt:

    Ich liebe deine Kolumnen.
    Und das mit dem Job da hast du Recht, niemand fragt danach. Oder es wird abgewertet mit, es wird auch mal Zeit, als sei es was selbstverständliches.
    Aber wenn eine Frau mit Kindern zu verwirklicht und aufsteigt, das wird gefeiert und gelobt und vorallem betont. Verstehe mich nicht falsch ich finde das großartig und sie haben mein Respekt dafür, jede einzelne. Aber ich freue mich eben für jede/en der auch sooo endlich sein Job bekommt, sein Traum erfüllt, aber meistens wird das nur kurz belächelt. Warum.

    • Franzi sagt:

      Liebe Steffi ich danke dir. Ich kann dich verstehen, aber ich glaube mit Kind aufzusteigen stelle ich mir wirklich schwerer vor. Da müssten wir auch mehr loben. Aber auch so allgemein sollten wir uns mehr loben für andere Dinge die wir können, meistern und bestanden haben. Das tun wir bei Männern ja auch oft karrieremäßig. Ich finde diese Trennung von Frau ist Mutter oder Frau macht Karriere auch falsch, oder?

      Liebe Grüße

  2. Steffi sagt:

    Eine Schwangerschaft ist (in meinen Augen) ein viel größeres Ereignis als ein neuer Job / eine Beförderung.
    Und dass alle da aus dem Häuschen waren ist für mich absolut verständlich.
    Bei deiner Job – Verkündung kam doch Freude auf, es wurde gratuliert und angestoßen wie du selbst schreibst. Also hast du Anerkennung und Wertschätzung erfahren.
    Ich versteh ich das Problem überhaupt nicht…

    Das Babythema allgemein wurde in deiner Kolumne ja schon öfter thematisiert, dass du angesprochen, sogar gedrängelt wirst, umso älter du wirst. Und dass du dir das (noch) nicht vorstellen kannst. Das ist natürlich nicht schön, immer wieder damit konfrontiert zu werden.
    Reagierst du deshalb vielleicht sensibel darauf?

    • Franzi sagt:

      Hello, Nein gar nicht. Wobei ich hier vorsichtig wäre- vielleicht kann eine Frau nicht schwanger werden und will es?! Da gehen wir wieder ein so intimes Thema an mit der eigenen Vorstellung ohne auf das gegenüber zu achten.
      Ohne das jetzt auf mich zu beziehen.
      Wer wie auf etwas sensibel reagiert, finde ich hier den falschen Ansatz und ich würde nie Bedürfnisse und Wünsche bei anderen Frauen werten und sagen: Dein Wunsch nach Anerkennung für ein Thema ist nicht so wichtig, weil … ich finde gerade hier geht es gar nicht um was ist wichtiger, auch nicht wer hat ein Kind oder nicht sondern- dass wir andere Momente auch gebührend feiern.
      Ich gebe mal ein Kommentar aus Facebook hier weiter, was ich auch toll fand:
      „Hier ist es genauso (und ich bin Mama). Jeder fragt mich, wie es dem Kind geht, aber nicht wie der Job läuft. Das ist schade, denn ich arbeite sehr gerne und erzähle ab und zu gerne darüber.“

      Hier denke ich wird klar worum es geht.

      Es gibt eben neben dem Mutter sein auch noch andere Themen. Es wird zum Mann, zum Haus zum Kind immer gratuliert. Auch richtig, aber wir können ja auch noch viel mehr von uns hervorheben. Mal ganz weg von mir und meiner Einstellung zu Kindern.

      Ich glaube das täte uns allen manchmal ganz gut: Das Ganze sehen. Ich hoffe das kommt nicht falsch rüber, aber im Grunde ist dein Kommentar genau das was mich immer so stört, es geht nichts über Kinder und wenn jemand andere Bedürfnisse und Wünsche hat, wird das mit Emotionen belegt, ohne zu schauen, dass wir Frauen viel mehr sind. Damit will ich kein Bashing wer ist mehr Frau, ohne Kinder ist alles besser lostreten. Im Gegenteil. Ich möchte nur, dass wir Frauen auch noch anders wahrnehmen und auch die anderen Vorzüge sehen. Das haben wir uns verdient 🙂 Also nicht abwerten, oder diese ewige Sache mit dem Vergleich im Kopf behalten.Viel mehr schauen, für was können wir uns noch feiern- zusätzlich zum Kind, Mann und Haus 😉 Liebe Grüße dir

  3. Jasmin sagt:

    Hallo, erstmal eine schöne Kolumne von dir..
    Ich sehe das zwiespaltig. Auf der einen Seite kann ich die Reaktionen von deinen Freundinnen und auch allgemein von Menschen, die wie oben beschrieben reagieren, verstehen. Ein Baby weckt ganz andere Emotionen in einem und man kann seine Freude vielleicht mehr ausdrücken. Bei einem Job freut man sich zwar auch für den anderen, aber ich denke es ist doch was anderes, als wenn ein neuer Mensch erschaffen wird.
    Auf der anderen Seite muss man auch vorsichtig sein was man denn so sagt. Ich finde im Freundeskreis reicht es 1-2 mal nach einer Schwangerschaft etc. zu fragen, denn viele Frauen reagieren auch hoch sensibel auf das Thema. Vielleicht gibt es ganz andere Beweggründe wieso man nicht schwanger ist / werden kann / werden will.
    Ich hatte es auch schon, dass eine Metzgerei-Verkäuferin mich fragte ob ich schwanger sei – nur weil ich ein lockeres Oberteil trug. Mich kränkt das nicht, aber andere vielleicht schon.. Oft sitzt uns das Wort zu locker auf der Zunge.

    Liebe Grüße
    Jasmin von http://www.jasminjuin.de

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