Kolumne

Möchtest du diese Art von Frau sein?

3. Februar 2019

Manche Begegnungen lassen dich nicht mehr los. Sie lassen dich nicht mehr einschlafen, sie lassen dich die ganze Nacht grübeln, vom Kleinsten zum Größten.

Aber nicht, weil es so spannende Begegnungen gab und nicht weil der Austausch so intensiv war, sondern weil genau das Gegenteil passiert ist.

Ich blicke in ihre großen Augen, die Wimpern klimpern, aber es kommt nicht viel Inhalt bei mir an. Ich strenge mich wirklich an und hake nach, doch immer wieder landen wir bei ganz oberflächlichen und so alltäglichen Dingen, dass ich irgendwann nicht mehr weiß was ich sagen oder fragen soll, ohne die immer gleichen Antworten zu erhalten. Ich nicke und versuche herauszufinden, ob da irgendwo in ihr drin ein kleiner Funken Hoffnung, Wildheit, Entschlossenheit oder überhaupt irgendein Interesse zu finden ist. Liegt es an mir, dass ich sie am liebsten schütteln und fragen möchte:

„Was willst du wirklich sein? Wo willst du hin? Und reicht dir das hier alles?“

Es liegt mir so verdammt auf der Zunge. Hübsch, jung aber voller Desinteresse an allem was nicht mit Haushalt und Ehe zu tun hat. Das kann doch nicht der neue Maßstab für Glück sein, oder? Meine Großmutter hätte mir nach dieser Unterhaltung die Familienzugehörigkeit gekündigt- Fristlos, wegen Desinteresse am Leben.

Sie ist nett, gar keine Frage. Mein jüngeres Ich würde sie sehr mögen- aber mein jetziges muss sich sehr zusammenreißen, um ihr nicht den Kopf zu waschen, denn den ganzen Abend werde ich mit ihr über Küchengeräte oder ihre Ehe sprechen. Alle anderen Themen, ob gesellschaftlich oder politisch, fallen ersatzlos weg. Immer wenn es spannend werden könnte- kommt nichts. Sie zieht sich zurück und taucht erst wieder auf, wenn die Gespräche abflachen. Als ich dieses kleine Treffen mit ganz unterschiedlichen Menschen verlasse, bleibt sie mir am meisten in Erinnerung. Nicht sie als Person, denn die war kaum da mit ihren 26 Lebensjahren, mehr die Art die sie an sich hat:

Keine.

Sie ist weder einschätzbar, noch greifbar.

Ich weiß nach einer Woche nicht mehr ganz genau wie sie aussieht, ich weiß nicht mehr was sie von sich erzählt hat, ich weiß nur noch, dass sie absolut keine Berührungspunkte mit dem echten Leben hatte. Sie wirkte wie von einem anderen Planeten, auf dem alles schön und wir Frauen nur ein paar kleine Aufgaben im Leben hätten. Sie war wie eingestellt. Die Ehe, das Essen vorbereiten, einkaufen, putzen und sich freuen. Bloß keine weiteren Facetten anbieten, das würde das gesamte leichte Ökosystem dieser Person durcheinanderbringen.

Es war mir, als ob ich ihre ganz eigene Welt betreten durfte und sofort merkte, dass hier die Luft zum Denken und Entwickeln verdammt knapp kalkuliert ist.

Ich habe mich noch nie so sehr für Themen und ein nettes Lächeln abkämpfen müssen wie an diesem Abend. Nach diesem Treffen war mir noch nie so bewusst, wie dankbar ich meiner Familie für all die vielen emotionalen Themen, das Laute, den Streit und das Gefühl des Falschliegens war- denn ich will mir nie meine eigene kleine Welt schaffen, aus der ich irgendwann nicht mehr heraus komme und in der ich nicht bemerke, wie ich eingehe, wenn ich wie in den 50er Jahren nur meinen häuslichen Pflichten nachgehe.

Das einzige auf das ich dann hoffen kann, dass mich jemand kräftig schüttelt und fragt:

„Was willst du wirklich sein? Wo willst du hin? Und macht dich das hier wirklich glücklich?“

Ich habe ihr geschrieben. Ich treffe mich mit ihr auf einen Kaffee und vielleicht danach nie wieder. Aber ich muss das tun. Ich habe das Gefühl ich sei es ihr schuldig- auch wenn sie mich am Ende vielleicht einfach nicht mögen wird. Immerhin habe ich dann mein Bestes gegeben und meine Großmutter wäre stolz auf mich. Aber ich weiß immer noch nicht was ich von all diesen Gedanken in Bezug auf eine andere Frau halten soll.

„Was willst du wirklich sein? Wo willst du hin?“

Bitte nie jemand, der nicht mehr merkt wie weit weg er von der Gesellschaft und einer eigenen Persönlichkeit ist. Aber auch niemand, der grundlos urteilt.

P.S. der Artikel der Zeit „Nähen, Kochen, Schminken gab Anstoß zu diesem Text

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