Kolumne

Under Pressure – Ich will alles erfüllen, scheitere aber zu oft.

2. September 2018 • 7 Kommentare

Under Pressure

Ich packe meinen Koffer. Erst ein, dann wieder aus.

Under Pressure - Ich will alles erfüllen, scheitere aber zu oft.

 

Ich steige über Berge von Wäsche, laufe an einem chaotischen Kleiderschrank vorbei und versuche später noch an den Müll zu denken, der unbedingt raus muss. Auf dem Telefon blinken wichtige wie unwichtige Nachrichten auf. Im Radio lausche ich nur kurz den letzten politischen Geschehnissen und muss an das letzte Gespräch denken, in dem es nur um meine Zukunft als Mutter ging. Ich lege alles zur Seite und will kurz schreien. Einfach so, weil es an der Zeit ist.

Weil ich Druck spüre. Einen großen Druck, der sich frech auf mein Herz setzt, mir den Brustkorb verengt und mich dabei dreckig auslacht.

Ich würde gern Frau, Mutter, Putzteufel, Freundin, Lebensgefährten, Politikerin, Aktivistin Top Model und Businesslady zugleich sein. Alles auf einmal und alles sofort. Ich möchte jedem Wunsch und jedem Vorbild entsprechen. Denn das ist es, was mir eben auch durch andere Frauen suggeriert wird.

Warum äußerst du dich nicht sofort zu Chemnitz? Warum ist es Sonntags still auf deinem Kanal? Warum hast du noch kein Kind? Wieso willst du nicht heiraten? Warum kocht dein Freund? Wieso hast du es nicht geschafft aufzuräumen? Warum lebst du aus dem Koffer? Warum steht der Müllbeutel eigentlich noch immer an der Wohnungstür und wann putzt du endlich einmal deine Fenster?

 

Ich habe nur auf die letzte Frage eine Antwort: Nie. Und wenn, dann bezahle ich den Service, der das besser kann. Mehr liegt gerade nicht in meiner Macht.

Denn auch wenn es wie eine Ausrede klingt: Mein Leben und der Wunsch, manchmal Gefühle noch nicht in mir zu tragen, kommen mir immer wieder dazwischen. Muttersein ist noch nichts für mich, heiraten können wir jeden Tag und putzen raubt mir die Zeit, die mir sonst bliebe um das Wir zu pflegen. Und schon bin ich wieder dabei nach Worten und Ausreden zu suchen um mein Gegenüber glücklich zu machen. Findet doch mal bitte jemand eine Antwort die auf alles passt, die jeden Menschen erst einmal zufriedenstellt und mich durchatmen lässt. Ja, es passiert so viel und ja, dennoch leben wir alle weiter. Trinken Kaffee, hören Musik, gehen shoppen. Dennoch beschäftigen mich all diese Themen. Weil ich es zulasse und das ist auch gut so. Denken hilft beim Großwerden. Und weil immer wieder Menschen von außen fragen.


Es ist unglaublich anstrengend geworden einfach nur ich selbst zu sein, denn alle scheinen immer ein viel besseres und genaueres Bild von mir vor ihren Augen zu haben.


Alle wissen längst, wann ich was wie machen muss und erzählen es mir. Dabei kann ich manchmal nur noch nicken und hoffen, dass mein Kopf nicht in die Luft geht. Peng. Alle vorbereiteten Wortfetzen an der schönen Tapete verteilt. Ausgedacht, ausgefühlt, und dann endlich einmal Stille um sich zu sortieren. Ein großes schwarzes Loch, das alles frisst und nichts mehr dalässt.

Damit das nicht passiert und ich nicht völlig blind und emotionslos durch die Welt laufe, gehe ich alles Schritt für Schritt an.

Ich poltere nicht mit meiner Meinung zu Chemnitz heraus, um irgendwas und am Ende nicht viel gesagt zu haben. Denn ich würde es bereuen, ein zu komplexes Thema zu hastig anzugehen und Mensch und Stadt mehr vorzuführen, als ihnen zu helfen. Ich muss mir die Zeit nehmen, um in mich hinein zu horchen und zu schauen, was ich wirklich tun kann und was wirklich Sinn ergibt. Wie fühlt es sich an, sich das Muttersein zu wünschen? Habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht die Zeit finde regelmäßig zu putzen, zu kochen und abzuwaschen? Muss ich das alles immer wieder hinterfragen, oder darf ich einfach für mich entscheiden und mit den immer gleichen Reaktionen leben?

Ich kann auch einfach einmal den Druck rausnehmen, die Kopfhörer aufsetzen, mein Lied abspielen und über nichts nachdenken- außer darüber, wie gut der Kaffee in meinem liebsten Glas schmeckt.

Es ist egal, was andere sagen, denken oder fordern. Ich muss nur immer wieder das Gefühl dafür bekommen den Kopf klarzukriegen, um richtig und menschlich reagieren zu können.

 

Das tue ich hiermit. Ich bin ehrlich.

Manchmal ist mir das Leben zu viel. Ich bin mir dann zu viel, denn am Ende würde ich euch gern auf jede verdammte Frage die richtige Antwort liefern. Weil ich es möchte, weil ich so gern die Weisheit mit Löffeln gefuttert hätte. Gern wäre ich voller Ratschläge und den richtigen Handlungen zur richtigen Zeit. Das Orakel, das alles weiß und somit allen etwas Gutes tun kann. Doch oft läuft es genau anders herum und endet nicht wie zu Beginn geplant.

 


Den Druck von außen verschlimmere ich gern. Ich höre mir Meinungen an, die für meinen Alltag nicht unwichtiger seinen könnten. Ich folge Menschen die viel sagen, aber für mich nicht viel tun können. Irgendwie stecken wir wohl alle immer mal wieder fest, wollen alles und dann geht nichts. Das zu akzeptieren fällt mir verdammt schwer. Es zuzugeben noch viel mehr. Immerhin gehört sich das nicht für eine Frau mit Power, Selbstbewusstsein und einer großen Klappe. Aber das Gefühl und die Angst, immer wieder zu versagen sind eben da. Die Angst kein gutes Vorbild zu sein, die Angst sich selbst nicht genug zu sein.

Ich stehe unter Druck und manchmal wird mir das zu viel. Ich würde gern die Welt retten, werde es aber nicht allein schaffen. Ich hoffe aber, das das was ich gebe, anderen ausreichen wird.


Es ist ok schreiend im Kreis zu laufen. Es ist ok sich nicht gleich politisch zu äußern. Es ist ok Kinder doof zu finden, dabei selbst eins haben zu wollen, oder noch nicht mit dem Mann der Träume zusammen zuleben. Es ist ok Mensch zu sein.

 

Aber es ist nicht ok, sich oder anderen das Menschsein zu verbieten.

Kommentare

7 Kommentare zu “Under Pressure – Ich will alles erfüllen, scheitere aber zu oft.”
  1. Josephine sagt:

    Ein Artikel der mir aus der Seele spricht. Mehr bleibt mir nicht zu sagen. Vielen Dank ❤️

  2. Ulrike sagt:

    Wahre Worte, die es nicht treffender ausdrücken könnten, wie sich jede Frau dieses Jahr fühlt. In diesem Jahr dreht sich gefühlt alles um Selbstverbesserung und Optimierung. Darum ein besseres Selbst zu sein. Aber oft können wir dem einfach nicht gerecht werden. Ob zu wenig Zeit oder der Rückfall in alte Verhaltensmuster – das Outcome ist für uns unbefriedigend und wir ärgern uns. Wir ärgern uns über uns selbst und dann gibt es ja noch so viele Menschen im eigenen Umkreis, die eine viel bessere Lösung haben oder eben ein besseres Ergebnis erwartet haben und über die man sich dann noch zusätzlich ärgert.
    Wenn man mal ehrlich ist, ist man selbst immer der härteste Kritiker. Aber wenn andere dann auch noch ihren Senf dazugeben.. Es ist ja nicht so, als wenn man in den letzten Jahren nicht in solche Situationen geraten ist. Aber ich glaube dieses Jahr fühlt es sich für Viele einfach viel bedeutender an. Warum auch immer. Es ist ja schließlich nicht so, als wenn unser Leben nach diesem Jahr vorbei wäre und wir deshalb nur diese zwölf Monate zur Verfügung hätten um ein besseres Selbst zu sein. Ich weiß auch nicht wer damit angefangen hat. Aber es ist einfach unheimlich anstrengend allem und jedem gerecht werden zu wollen.

    Also Danke für deine Worte. Das erinnert einen daran, dass man mit diesem Gefühlschaos nicht allein ist!

  3. Kerstin sagt:

    Du hast mir aus der Seele gesprochen. Ab einem bestimmten Alter sollte das Leben eigentlich leichter sein, da ist es wieder sollte, hätte und würde… Jeder hat seine Vorstellungen vom Leben und versteht nicht, dass nicht jeder das Gleiche denkt und fühlt.
    Ich persönlich finde es gut mein Leben so zu leben mein Handeln nicht zu rechtfertigen und meine Meinung nicht jedermann und jederzeit kundzutun. Ich hab zum Glück eine beste Freundin, die genauso denkt und fühlt und die mich auffängt, da auch ich mirselbst den Druck mache hätte, würde, sollte…
    Ich wünsche dir auch so einen Menschen der dich du sein lässt

  4. Juli sagt:

    Hallo Liebes,
    das sind wahre Worte!
    Ich kenne diesen Durch zu gut und mir geht es ständig genau so!
    Hab einen tollen Wochenstart 🙂
    Liebe Grüße
    Juli von JuliJolie

  5. Liebe Frances,

    und wieder ein super Beitrag (und dann noch mit dem schönen teueren Kleid)!

    „(…) Wie fühlt es sich an, sich das Muttersein zu wünschen? Habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht die Zeit finde regelmäßig zu putzen, zu kochen und abzuwaschen? (…)“
    Das bzw. diese Fragen kann ich so nachvollziehen. Wir haben mit 23 geheiratet. Warum wir immer noch keine Kinder hätten, kam ständig die Frage. Weil wir einfach noch nicht bereit waren, weil wir einfach nicht wussten, ob wir Kinder wollen. Das war bei mir besonders doll gespalten. Und plötzlich, von ein auf den anderen Tag hat es KLICK gemacht und ich WOLLTE Kinder. Das habe ich dann mit meinem Mann besprochen und siehe da: Er wollte auch. Nun ist unsere Tochter 1 Jahr alt und unser größtes Glück.
    Wann wir das zweite Kind denn haben wollen?…..

    Du hast mich ebenso dazu inspiriert meinen Beitrag zu dem Thema demnächst zu veröffentlichen. Habe vor Monaten mal den Artikel geschrieben, was Frau alles gleichzeitig ist, aber ihn nie veröffentlicht. Jetzt tue ich es. Ich sag dir bescheid.

    XOXO und liebe Grüße
    Deine Sarah
    http://www.herbstmeedchen.de
    http://www.dielesebrille.net
    http://www.fashion-library.jimdo.com

  6. […] Übrigens: einen tollen Beitrag über ein ähnliches Thema findet ihr auf dem Blog von Zukkermädchen. […]

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