Kolumne

Mein Leben passt zu mir

10. April 2016 von

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Ich stehe in unserer unfertigen, mit Umzugskartons dekorierten Küche. Mir klebt unerklärlicherweise ein Blatt am Fuß und der Hund schaut mich erwartungsvoll von ganz unten nach ganz oben an. Ich starre nur mit einer Tasse Kaffee in der Hand aus dem Fenster zum Nachbarn. Dort sehe ich Ordnung. Kein Chaos, ein geregeltes Leben. Da frage ich mich: Vielleicht fehlt mir genau das?

Das Leben passt zu mir

Der Gedanke ist mir selbst nicht entsprungen, eher einem mir einmal sehr nahen Köpflein. Zu Schulzeiten waren wir ein Herz und eine Seele, die Teeniezeit zeigte schon unsere Differenzen, nach der Studienwahl und dem Ort war es völlig vorbei. Da gab es keine Verbindung mehr. Mein Leben verlief ohne sie weiter und wir beide taten uns mit dieser Erkenntnis auch nicht schwer. Manchmal verliert man sich, gefühlt ein halbes Leben lang und trifft sich irgendwann, weiß der Teufel warum auch immer, in der Straßenbahn in einer fremden Stadt wieder. Irrtiert, auch ein wenig überrascht, begrüßt man sich. Etwas holprig, aber gut gemeint, ohne böse Absichten oder dem typischen Augenroller „Die schon wieder“. Nein so ganz ehrlich, aber eben unerwartet.

Schnell noch einen Kaffee bis der Zug abfährt und man kommt ins Plaudern. Die Themen gehen einem nach über fünf Jahren Wiedersehen nicht aus. Familie, ehemaliger Freund, aktuelle Lage, Job, Einstellung. Ach ja, und das ganz heimlich unter dem Deckmantel des Erwachsenwerdens. Ja genau, dieses „Nach dem Studium werde ich…“ ist nicht mehr aktuell. Eher wie geht es nach dem ersten Job weiter, und wann geht es mit der Familienplanung los. Ich habe kurz das Gefühl ich müsse beginnen und so erzähle ich ihr meine Sicht der Dinge und meine Zukunftspläne. Ich verrate ihr viel über die neue Wohnung, die erste eigene Küche. Und ich betone das so sehr, weil ich mir noch nie Gedanken über Küchen und Einbau und Farbentscheidungen in Sachen Fronten und Arbeitsplatte gemacht habe. Kinder schneide ich nur ganz beläufig an, denn das hat Zeit, ich will ja noch etwas erleben und die Wohnung und der Job haben immer noch Vorrang. Was mir in den Kopf und auf dem Herzen liegt, kommt aus meinem frechen Mundwerk geschossen. Ohne Punkt und Komma. Dabei entgegnet sie mir ein freundliches Lächen und ich freue mich, dass sie mir wirklich zuhört und meine Geschichte ernst nimmt.

Ich gebe den Spielball ab und möchte mehr über sie erfahren. Sie verrät mir, dass sie schon seit zwei Jahren ein Haus mit ihrem Mann teilt und dass der Gedanke Familienplanung nicht mehr weit weg ist. Kurz bevor ich meine Zustimmung äußere, müssen wir los. Ich habe noch 10 Minuten mehr, begleite sie zu ihrem Bahnsteig, sie steigt in den Zug und wünscht mir alles Gute. Im letzten Atemzug, bevor die Tür sich schließt rutscht es ihr raus: „Wie immer Franzi, dein Leben hängt eine Spur hinter dem normalen hinterher. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg. Dein Chaos macht dich wohl immer noch aus.“ Tür zu, Satz zu Ende. Ich kann ihr nichts entgegenbringen und begebe mich zu meinem Zug.

Ich starre immer noch zum Nachbarfenster, kurz muss ich grinsen. Genau deshalb habe ich sie auch wohl nicht mehr vermisst. Diese alte Freundschaft. Für mich wird es immer ein gutes Gefühl sein, mein Chaos in den Griff zu bekommen. Ich stehe stolz in meiner von Kartons dekorierten unfertigen Küche. Das Blatt zupfe ich mir vom Zeh, kraule den kleinen Kerl, nehme einen Schluck aus der Tasse und genieße das Hier gerade noch ein wenig mehr. Denn das bin ich. Denn das ist mein Leben. Mir fehlt wohl doch nichts. Zumindest nichts, was andere gern an mir sehen würden.

Liebe Grüße

Kommentare

Bisher 19 Kommentare zu “Mein Leben passt zu mir”

  1. Nadine sagt:

    Toller Eintrag! Wie recht du hast 🙂

  2. Kathi sagt:

    Liebe Franzi,
    du bist in vielen Dingen so anders als ich, weswegen ich mir oft schon schwer getan habe mit deinem Blog, aber irgendwie bin ich doch immer wieder gekommen, zum Glück. In den letzten Monaten hast du immer so viel positives ausgestrahlt. Du schreibst immer so ehrlich und ohne eine böse Zeile. Wenn man denkt, die Welt ist nur gemein, braucht man nur kurz hier bei dir vorbei schauen und man weiß wieder, dass es nicht so ist. Ich bewundere wie du zu dir selbst stehst, wie du scheinbar genau weißt wer du bist und trotzdem nie schlecht über andere sprichst. Bitte bleib genau so wie du bist. Mittlerweile bist du nur wegen deiner liebenswerten Persönlichkeit eine meiner liebsten Bloggerinnen.

    Und mich macht auch schon immer mein Chaos ein wenig aus, aber das liebe ich, also wozu verändern. Zum Glück kann sich jeder seinen Weg selbst aussuchen.

    Liebe Grüße,
    Kathi

    • Franzi sagt:

      Liebe Kathi! Das ist ein ganz wunderbares Kompliment. Ich danke dir für deine Worte! Du hast mir den Tag versüßt! Ich hoffe du kommst auch noch in 10 Jahren immer wieder gern hier her. Auch wenn ich dir vielleicht anders als du erscheine- haben wir womöglich doch eine Menge gemeinsam. Das klingt gut, für mich 🙂

      Liebe Grüße und ja ich lebe wohl das Chaos pur- in den Augen anderer- aber macht ja nix. Wir müssen ja alle für uns den richtigen Weg finden.
      Liebe Grüße

  3. Kerstin sagt:

    Wunderschöner Text. Ich kann dir gar nicht sagen wie sehr ich mich in letzter Zeit in deinen Schreibstil und deinen Blog verliebt habe. SO toll!!

    Love, Kerstin
    http://www.missgetaway.com/

  4. Sam sagt:

    Liebe Franzi,

    herzlichen Dank für deine lieben Beitrag:) Toll!!!!!. Mein Gott, genau so geht es mir auch und gleiche Situation mit ehemaligen Freundschaften habe ich auch schon desöfteren erlebt und gleiches gedacht oder auch vielleicht nicht genau gleiches- ganz so selbstbewusst wie du wohl nicht – was ich mir von mir allerdings wünschen würde. Nach außen hin bin ich die starke selbstständige Frau, 29 Jahre und stehe mit beiden Beinen im Leben, doch noch nicht lang, Ausbildung Studium Wohnung Kinderplanung, alles hin bei mir ebenso hinterher und doch hat es mich selbst in stillen Momenten in den Mittzwanzigern zum Zweifeln gebracht – warum bin ich so langsam? Heute denk ich da etwas anders drüber, es ist mein Leben und es läuft in meinem eigenen Tempo, und es ist gut wie es ist, mir fehlt doch nichts? Ich bin gesund, Freund und Wohnung, sowie Job und Konto sind prima. Haus fehlt, die Kinder auch – aber was ist nicht ist, kann irgendwann noch werden und wenn es nicht wird, hat es auch einen Grund warum es so bleibt wie es ist. Mir geht’s gut. Ich Lebe mein Leben und nicht das derer, die ein anderes „schnelleres“ von mir erwarten. Ich genieße jeden Augenblick und das nun mal etwas intensiver als andere in meinem Alter 🙂 wer weiß wofür es gut ist. 🙂
    Habe sogar mal überlegt, einen eigenen Blog zu schreiben, ich hab ja Zeit 😀 aber mit 29? Bin ich dafür zu alt? Das interessiert vielleicht kein Schwein…..

    • Franzi sagt:

      Das kann ich absolut nachvollziehen. Ich weiß auch nicht wieso wir oft vergleichen und das eine Lebensmodell gegen das andere stellen. Bringt ja nix, wir sind ja komplett unterschiedlich. Vielleicht wollen wir uns vergleichen, um Gemeinsamkeiten zu finden … Gleichgesinnte? Ich weiß es nicht. Aber ich finde es immer mehr albern und auch unnötig. Also fang ruhig an- 29 ist kein Alter! Ich bitte dich, fürs Bloggen ist man nie zu alt.

  5. Wünsche dir noch viel Erfolg mit deinem Blog☺

  6. Katharina sagt:

    Das ist eine tolle Einstellung! Manchmal zweifelt man so sehr an sich und seinen Eigenarten, dabei ist es doch genau das was uns ausmacht.
    Wäre doch langweilig, wenn jeder gleicht tickt und alles ihr Leben zu 100% im Griff haben. Oft täte mir ein wenig Spontanität und eine Prise Chaos wahrscheinlich ganz gut. Aber was soll ich mir den Kopf darüber zerbrechen, ich kann schließlich nicht aus meiner Haut…
    Bei dem Gedanken, was alte Schulfreunde wohl sagen würden, wenn wir uns heute wiedertreffen, muss ich auch kurz schmunzeln. Wahrscheinlich wäre ebenso wie bei dir niemand überrascht über mein aktuelles Leben. So gut können uns Menschen einschätzen, von denen wir meinen sie nicht mehr zu kennen.
    Liebe Grüße und viel Erfolg weiterhin im Chaos!
    Katharina

    • Franzi sagt:

      Genau! Wir sollten uns nicht nur anpassen, weil andere das gern hätten. Chaos ist mein Leben und solange ich damit gut leben kann, sollte das Andere freuen- nicht ärgern. Also bleib du auch gern so wie du bist! Das ist völlig ok!

      Liebe Grüße

  7. Hey Franzi
    Ich denke, dass jeder anders lebt und leben möchte. Und ich glaube nicht, dass es ein „normal“ gibt. Wichtig ist doch nur, was glücklich macht. Nicht die ganze Zeit, aber jeden Tag ein bisschen.
    Schön, dass du es bist.
    LG Jasi
    http://www.marmormaedchen.blogspot.com

  8. Kristina sagt:

    Sehr schön geschrieben und auf solche Freunde kann man doch wirklich vergessen. Ich finde auch, dass es keine Regeln gibt an die man sich halten muss. Jeder entscheidet selbst, wie sein Leben verläuft und da gibt es keine Vorschriften.

    PS: Momentan gibt es auf meinem Blog drei personalisierte Handyhüllen zu gewinnen.

    Liebe Grüße Kristina von KDSecret

  9. Patricia sagt:

    Unglaublich, was einige Menschen so von sich geben. Heutzutage sind wir doch eigentlich weg von diesen Zwängen, dann und dann dies und das erreicht haben zu müssen, oder nicht? Ich hatte das eigentlich gehofft. Mit 30 noch kein Kind? So what? Jeder Mensch und jedes Leben eines Menschen sind anders. Wenn man Bock hat auf Haus und Mann und Kind (was ich übrigens habe), dann auf geht’s. Wenn man da keinen Bock drauf hat, warum sollte man es machen? Ich finde immer, dass das einzige Ziel, das jeder erreichen sollte, das Glücklichsein ist. So. Ende der Philosophie.

    • Franzi sagt:

      Haha ja ich glaube es war nicht böse gemeint, nur manchmal können wir das Andere einfach nicht verstehen. Toll wäre es, wenn wir es trotzdem akzeptieren. Darüber reden wir schon lange- aber es wird noch viel länger dauern, es wirklich umzusetzen. Erst wenn es kein Thema mehr ist, haben wir es geschafft- meine Theorie 😉

      Liebe Grüße und danke für deine Philosophie! Das passt mir ganz wunderbar

  10. Janina sagt:

    Ich bin im März 31 geworden und so langsam bekomme ich Sprüche von Kollegen und Familie, dass es an der Zeit wäre eine Familie zu gründen. Momentan bin ich mir aber nicht mal sicher, ob das überhaupt der richtige Weg für mich ist. Ich mag Kinder, aber ich kann mir bisher nicht vorstellen selbst eins zu bekommen.

    Letzte Woche bekam ich auf der Arbeit Migräne und musste mich übergeben. Als mein Kollege das mitbekam, konnte ich mir eine Woche lang anhören, dass ich schwanger sei. Immerhin sei das für ihn die einzige Erklärung, wenn man als Frau über 30 Übelkeit hat.

  11. Michaela sagt:

    Super toller Text! Mir geht es irgendwie genau so, nur stehe ich gerade an dem Punkt Masterstudium oder Arbeit? Und letztens habe ich mich auch genau mit einer alten Bekanntschaft über Zukunftspläne unterhalten 😉

    Liebe Grüsse
    Michaela

  12. […] an, aber viele mögen sie auch genau deshalb, wie ich zum Beispiel. Zuletzt waren es die Beiträge „Mein Leben passt zu mir“ und „Goodbye Biest“, die ich ganz besonders großartig fand. Und auch wenn ich mich mit ihrem […]

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