Kolumne

Giving a Shit auf Selbstoptimierung

13. Januar 2016 • 19 Kommentare

„Eines Tages Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen sollen!“ Könnt ihr euch an diesen viralen Peotryslam Hit erinnern und was er ausgelöst hat? Meine schlaflosen Nächte sind gerade mit diesen Gedanken und Fragen, die dieser Text schon ein Jahr zu vor aufrief getränkt.

Giving a Shit auf Selbstoptimierung

Denn habt ihr euch schon einmal gefragt, ob all dieser ganze Online- Schwall an Selbstoptimierung und Selbstfindung, Selbstdarstellung und Glücksbringer Mantra’s nur ein Betrug an uns selbst ist? Ich habe das Gefühl, ich setze mich zur Zeit damit viel zu sehr unter Druck und laufe dem Glück von Bildern, Lebensweisheiten und Songtexten hinterher. So ist mir dann auch irgendwo auf halber Strecke mein eigenes Glücksverständnis verloren gegangen. Kündige ich den sicheren Job, dann werde ich endlich frei sein. Gehe ich auf Weltreise, werde ich automatisch glücklich sein, werde ich Fitness Guru, weiß ich dann wie das Leben zu sein hat. Ich muss kreativ, anders und vor allem unique werden um zu erkennen, warum ich vorher nie richtig gelebt habe.

Bin ich quasi die ganze Zeit tot gewesen und muss erst anfangen zu leben? Bin ich langweilig, weil ich nicht die Reißleine ziehe und meinen Alltag hinter mir lasse, weil es mir ein Lied, ein Spruch oder ein Bild suggeriert? Muss ich erst einen Berg besteigen und dort meditieren um mich selbst zu finden und das mit euch teilen? Muss ich die tollste Partynacht erleben, um zu wissen wie toll die Nacht sein kann und es anderen auch zeigen? Sind das die Geschichten, die ich später erzählen will? Was ist, wenn das alles gar nicht zählt, sondern nur für die Außenwirkung ein gutes Bild ergibt? Muss ich alles ändern, um Ereignisse zu erschaffen über die ich dann erzählen kann? Muss ich zwingend mein Glück steigern um im hohen Alter glücklich zurückblicken zu können? Ich höre auf normal zu sein und gebe mich nicht mit dem zufrieden, was ich gerade habe und kann. Es geht immer noch besser.  Wenn ich alles machen kann was ich will, mit dem großen Slogan versehen „Hauptsache ich bin glücklich dabei“, kann ich das dann doch so auch später meinen Kindern erzählen? Was wird aus meinem realen Leben, dass sich nicht in allen Bereichen von mir optimieren lässt: Die Liebe, die Jobchancen, die Gesundheit, die Freundschaften.

„Eines Tages Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen sollen!“

…und wir werden herausfinden, dass dieses ganze Theater uns auch nicht glücklicher gemacht hat. Es ist genauso ein Zwang geworden, ein Korsett, in das ich mich und mein Leben zwänge und dann auf das Glück warte. Wo sind sie hin, die Möglichkeiten Fehler zu machen, zurückzugehen und doch glücklich dabei zu sein? Ich frage mich, was aus der persönlichen Freiheit geworden ist. Denn das Leben läuft immer anders ab, als wir es uns vorstellen. Ich kann das Leben nicht nach Facebook Statusmeldungen oder Instagram Paradies Bildern optimieren, ohne die Freiheit zu verlieren wirklich ich zu sein und auch einmal nein zu all dem zu sagen, was mir vermeintlich Glück verspricht.

„Eines Tages Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen sollen!“

…und ich erwische mich hoffentlich nicht dabei, mich dem „Zwang glücklich zu sein“, dem „Druck erfolgreich zu sein“ und dem „Wunsch nach einem Schönheitsideal“ unterworfen zu haben. Freiheit und Glück kann auch bedeuten, das Leben einfach so zu leben wie ich es will. Das Jetzt zu genießen, Fehler zu machen und vielleicht nicht daraus zu lernen. Unglücklich sein im Leben passiert und hat vielleicht auch einen tieferen Sinn, denn wir wissen danach was es heißt: glücklich zu sein.

„Eines Tages Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen sollen!“

Ach hör auf. So klingt es besser:

„Eines Tages Baby, wenn ich alt bin und an all meine persönlichen Geschichten denke, die ich erlebt habe, werde ich sie mit einem Lächeln genießen und wissen, Selbstfindung und Optimeriung waren nicht meine ständigen Begleiter.

Kommentare

19 Kommentare zu “Giving a Shit auf Selbstoptimierung”
  1. Andrea sagt:

    Großartig!!!!

  2. Anna sagt:

    Liebe Franzi,

    ich musste den ganzen Text gleich mehrmals lesen, weil mir soviel Gedanken gekommen sind. Zunächst einmal, richtig cool, dass du das Thema aufgreifst! Diese Thematik beschäftigt sicherlich einen Großteil von uns oder er hat/ wird uns irgendwann mal beschäftigen.
    Mir ist auch schon aufgefallen, dass dieses „Selbstverwirklichungsding“ grad richtig hipp ist, vor allem auf Instagram und Co durch tausende von kreativen Quotes. Und diese Songzeile ist auch in meinem Hirn dauerhaft hängen geblieben… Ich fühle mich dadurch aber gar nicht so sehr unter Druck gesetzt. Ich verstehe das vielmehr als Aufruf mal etwas zu wagen, zu probieren und zu genießen, vor allem jetzt, da man noch jung und ungebunden ist. Erfahrungen sammeln, dadurch zu sich selbst finden und erkennen, will ich das eigentlich wirklich? Wenn man es nicht probiert oder die Option zumindest in Betracht zieht, weiß man es ja nie. Und ich finde auch nicht, dass die Möglichkeit verloren gegangen ist, Fehler zu machen. Es ist doch so, dass man dadurch, das man versucht und probiert, erst Fehler machen kann, darf und soll. Oder nicht?
    Am Ende sollten wir immer auf uns selbst hören und nicht von anderen/ den Medien unter Druck setzten lassen. Leider ist es manchmal gar nicht so einfach zu erkennen, was man eigentlich will. Und hin und wieder kann es dann ganz erfrischend sein, die eigene Comfort Zone zu verlassen.

    Ich hoffe, mein Gedankengang ist irgendwie deutlich geworden.
    Liebe Grüße und vielen Dank für diese Anregung!
    Anna

    • Franzi sagt:

      Liebe Anna! Da sagst du was! Natürlich sollten wir etwas wagen! Da bin zu 100% bei dir! Nur, wie du auch schon erwähnt hast, dieser Optimierungswahn, der dann nicht mehr Mut udn Spaß als Antrieb hat, sondern Pflicht … der bereitet mir Bauchweh! Aber danke für deinen tollen Kommentar! Ich gehe völlig mit dir! Schön, dass du hier liest und deine Gedanken mit mir teilst!

      Liebst!

  3. Jana sagt:

    Wirklich ein toller Text und Franzi, soll ich dir etwas verraten? Meine Geschichte wird später sicher keine Bücher füllen, große Magazine werden niemals über mich berichten, die Hälfte meiner Talente bleibt dauerhaft ungenutzt, ich bin nicht erfolgreich, nicht reich, mein Mann sieht nicht aus wie Ken, meine Augenbrauen wuchern wild, es gibt keine weltbewegenden Ziele, die ich unbedingt bis 30 erreichen will. Was stimmt nicht mit mir? Wie kann es sein, dass ich trotzdem total GLÜCKLICH bin :)?!

    • Franzi sagt:

      Jana! große Liebe viel Herzen an dich! Ich musste schmunzeln udn fühel mich dir verbunden! Komm gern wieder, immer wieder! Das les ich so gern! Hach! Ich freue mich, dass du mich liest …

  4. Karen sagt:

    Einer meiner Lieblingsartikel von dir! Ich hab diesen Poetryslam erst recht spät entdeckt und das obwohl sie aus meiner Heimatstadt kommt und das ganze in Bielefeld sogar ziemlich arg gefeiert wurde… Deinen Abschlusssatz find ich großartig! So will ich das auch sehen können später!

  5. Kathi sagt:

    Ein toller Text! Ich hatte den Hype um diesen Poetry Slam schon wieder komplett vergessen bzw. bin ich auch kein großer Fan von Poetry Slam, aber ich denke auch oft über ähnliche Sachen nach, also kommt das genau richtig! 🙂

    glg, Kathi
    http://www.ilvieebella.com

    ps.: Werd jetzt mal bissi Pinterest schauen gehen… :p

  6. fairlockend sagt:

    Die Kolumne gefällt mir gut. Mich persönlich nerven besonders diese pseudotiefsinnigen Sprüche an jeder Ecke. Nichts gegen Zitate und Weisheiten, die einen wirklich berührt haben, zu denen man einen echten Bezug hat – aber in der Regel bleibt es absolut oberflächlich und unpersönlich. Und gerade die ganzen Motivations- und „ich-bin-ach-so-individuell-und-backpacke-um-die-ganze-Welt“-Posts, die am Ende doch nur dafür geteilt werden, um von allen für den eigenen Mut bewundert zu werden, langweilen mich.
    Mich faszinieren Menschen, die ihren eigenen Weg gehen, die selber denken, die auch mal gegen den Strom schwimmen – nicht aus Prinzip, sondern wenn sie es für angebracht halten. Aber mit dieser kollektiven zwanghaften Suche nach Individualität, nach dem grossen Abenteuer, das man angeblich nur für sich alleine sucht – ja auch mit der Heuchelei, wenn man einerseits so anders sein will und andererseits eben doch auch nur nach der ganz grossen Aufmerksamkeit lechzt – mit alledem kann ich wenig anfangen.

    Fast niemand von uns kann sich davon freisprechen, stellt sich nicht selber bis zu einem gewissen Grad gerne dar. Es ist menschlich, dass man auch gesehen werden oder seine Gedanken teilen will.
    Das war ja auch schon vor dem Internet so – im „realen“ Leben. Aber die Trends haben wahrscheinlich einfach geändert. Früher war man der King, wenn man viel Geld verdient hat, die Karriere gut lief, Frau/Mann, Kind vielleicht. Heute gilt das in den meisten Kreisen als spiessig, und gefeiert wird, wer „sich selbst verwirklicht“, auf Weltreise geht, etwas ganz verrücktes macht.
    Und ich finde es wirklich toll, dass man 2016 bei uns freier ist, dass man mehr Möglichkeiten hat, um glücklich zu werden. Nur ist es doch lächerlich, den einen überholten Lebensplan (Karriere und klassische Familie) durch den anderen zu ersetzen? Kann es nicht ganz viele geben? Anscheinend müssen wir immer einen bestimmten Weg favorisieren und feiern, das finde ich schade und langweilig.

    Beste Grüsse und ja, ich bin vielleicht etwas abgeschweift 😀

  7. Carmen sagt:

    Liebe Franzi,
    das find ich mal einen guten Ansatz. Du sagst ja damit nicht, dass man sich vor seiner eigenen Optimierung verschließen sollte – lediglich nicht vor lauter Optimierung auf sich selbst vergessen sollte 🙂 Ich für meinen Teil bin sehr glücklich mit meinem Leben, natürlich schon auch immer am überlegen, wo noch ein bisserl gefeilt werden darf… aber ich bin eigentlich grad damit zufrieden, dass alles in Bewegung ist. Ich will ja nicht fertig sein, also am Ziel dieses Optimierungsprozesses ankommen!
    Und auch hier muss ich dir beipflichten: dass uns momentan in sämtlichen Texten, Zitaten und Liedern (so gut und wunderschön formuliert ich viele davon finde) vorgegaukelt wird, wie die erstrebenswerte Freiheit auszusehen hat. Und zwar mehrheitlich gleich, nämlich mit Jobs, die man von überall aus bestreiten kann, idealerweise am Strand, mit Hipster-Essen, stylischem Hippie-Schmuck am Handgelenk und dem Blog, der bekräftigt, dass man sein vormals unaufregendes Leben nun vollends im Griff hat und weiß, wie man es Leben soll. Ich hab auch einen Blog. Ich hab auch eine flexible Arbeit. Ich reise gerne. In die Alpen, am liebsten! Mit meinem Freund, am liebsten! Ich bin NICHT so wirklich unabhängig, weil ich dabei auf mein Geld schaue, weeeil ich uncoolerweise mein Elternhaus ausbauen werde! Um neben eben meinen Eltern hoffentlich mal ganz gemütlich wohnen und vielleicht ein paar Kinderleins großziehen und mit meinem Partner glücklich sein zu können. Das wiederum ist es nicht, was wir anscheinend anstreben sollen. Ich bin dann zwar im Kopf immer noch frei denkend, aber hab anscheinend jede Menge Fußfesseln. Oder bestenfalls mal Enkel, denen ich überhaupt Geschichten erzählen kann? Kann es denn nicht beide Varianten geben? Ich probier’s jedenfalls aus.
    Jedem das seine, wie ich meine. Und alles Gute dir!
    Liebe Grüße,
    Carmen
    http://www.goodblog.at

  8. Liebe Franzi,
    ein tierisch spannendes Thema und eine wirklich tolle Kolumne dazu! Mich hat dieser Poetry-Slam, diese Selbstoptimierung, die uns im Internet, im TV und in den einschlägigen Frauenmagazinen immer wieder vorgelebt und auferlegt wird, auch zunächst nachdenklich gemacht. Ist mein Leben okay so, wie es ist? Bin ich glücklich? Kann/soll/muss ich mehr erreichen, um glücklich zu sein?
    Und dann habe auch ich angefangen, mich selbst zu fragen, was ICH eigentlich will. Was MICH glücklich macht. Denn Pinterest-Zitate und Yotube-Videos, die viral gehen, nützen mir gar nichts, wenn ich dabei auf der Strecke bleibe.
    Und wie schon meine Vorredner hier schreiben, jeder soll doch nach seiner Fasson glücklich sein, in seinem favorisierten Lebensmodell, mit Weltreise, Filmkarriere, EheKindHausHundBaum oder oder oder! Und gerne auch Kombinationen davon! Wenn es uns glücklich macht, ist es doch eine gute Sache. Wir sollten uns dabei nur keinem Zwang unterwerfen müssen.

    Ganz liebe Grüße,
    die Ruhrpottperle

  9. […] aktiv gegen den Selbstoptimierungswahn. Sie sagt nämlich in ihrem kürzlich erschienenen Artikel “Giving a shit auf Selbstoptimierung” dass “dieser ganze Online- Schwall an Selbstoptimierung und Selbstfindung, Selbstdarstellung […]

  10. Perlenmama sagt:

    Was ein großartiger Beitrag. Eine Freundin hat mir diesen Link zugeschickt und ich bin schwer begeistert. Dieses Thema verfolgt mich nun schon seit Tagen, daher habe ich auch einen Blogbeitrag geschrieben und dich darin zitiert. Schau doch mal vorbei. Einen lieben Bloggergruß, schöne Seite hast du hier. 🙂

    Über den Selbstoptimierungswahnsinn http://wp.me/p3NEaN-J9 #perlenwelt

  11. Küstenkind sagt:

    Dieser Artikel ist ein Grund, deinen Blog jetzt regelmäßig anzuklicken. Auf ZEIT-Online gab es dazu letztens auch einen Beitrag – vielleicht nicht ganz so griffig wie deiner 😉

    Mit dieser „Selbstoptimierung“ geht ein enormer Druck einher. Die Möglichkeiten scheinen so unendlich, wenn man da nicht die optimierteste Version von sich selbst ist, dann ist man auch noch selbst Schuld. Nach dem Motto: Wenn die 70-jährige Oma noch den Marathon gelaufen ist, weil es ihr Traum war, dann kannst du doch auch noch Aktien-Broker werden. Alles ist möglich und daher ist alles nur eine Frage des Willens!
    Wenn man aber nicht seine Möglichkeiten bis aufs äußertste ausreizt und vielleicht nicht immer glücklich ist, dann hat man heute schon was falsch gemacht. Und dabei verurteilt man sich selbst viel eher, als das Umfeld.
    Alles muss immer 100 % haben: Job, Liebe, Freunde, Hobbies. Mit Mittelmäßigkeit in nur einem Bereich geben wir uns in den Industrienationen schon lange nicht mehr zufrieden. Das ist einerseits gut so, weil man Ziele braucht – aber es lässt einen ja manchmal schn fast auf ungesunde Weise um sich selbst kreisen.

    Vielleicht ist es auch einfach etwas, was man (vermeintlich) gut kontrollieren kann. Die Welt um einen scheint immer mehr zu verfallen, also konzentriert man sich irgendwann halt auf…sich. Da hat man eine scheinbar schaffbare Mission und ist trotzdem in einem Hamsterrad. Da wir so busy mit Selbstoptimierung sind, fällt das aber gar nicht immer auf. Glück gehabt.

  12. Madeleine sagt:

    Ein wirklich sehr stark geschriebener Text zu einem Thema, was sehr viele von uns immer wieder beschäftigt. Ich bin wirklich begeistert Franzi. Zumal du für Viele auch eine Vorbildfunktion hast, finde ich es gerade gut, nicht immer nur zu zeigen: Wenn ihr noch härter an euch arbeitet, könnt ihr alles haben, was ich hier zu Schau stelle, wie das leider auf vielen Instagram-Accounts der Fall ist. Auch mal zu sagen: Es ist ok, normal zu sein, sich nicht immer selbst zu optimieren und eben auch mal Fehler zu machen. Ich denke, man ist nicht wirklich glücklich, wenn man sich so sehr anstrengen muss, dass es später so aussieht, als wäre man glücklich. Das ist sicher nicht Sinn der Sache.

    Du hast das Thema einfach super auf den Punkt gebracht. 🙂

    Viele liebe Grüße
    Madeleine
    http://maracujabluete.com/

  13. missesviolet sagt:

    Danke, ein toller Post!

    Liebe Grüße,
    Sara

  14. Liebe Franzi, das hast du wundervoll in Worte gefasst. Ich sehe das ganz genau so!
    Wünsche dir einen schönen Sonntag.

    Greetings & Love
    Ines

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