Kolumne

Mängelexemplar

24. April 2016 • 16 Kommentare

Ein Klick und du findest die Lösung all deiner persönlichen Probleme. Ich sitze im Wartezimmer und sehe all die schönen Nachherbilder und die passenden Texte dazu. Hübsch arrangiert erzählen mir wildfremde Menschen, wie glücklich sie jetzt wären. „Eine neue Nase hat mein Leben verändert, meine Bikinifigur ist nun perfekt, ich fühle mich endlich schön.“ Das klingt gut, das klingt logisch. Das will ich auch.

Mängelexemplar

-Ich bin ein wunderbares Mängelexemplar-

Denn ich war schon immer eine gute Zweiflerin. Ja es gibt viel, was ich an mir ändern würde. Ich kann euch hier und jetzt mit Leib und Seele all meine Fehler an mir aufzählen und sie wunderbar begründen. Heute ist das schöner Machen und Helfer Einsetzen kein Ding mehr. Schönheitsoperationen sind der Glücksbringer, der mich schöner machen kann, damit auch erfolgreicher und glücklicher. Ich bin ein wunderbares Mängelexemplar. Ich bin wie geschaffen für diese gesellschaftliche Illusion.

Ich besitze eine hohe Stirn, die euch erschlagen würde- ich kaschiere sie natürlich gekonnt durch meine Frisur. Ich besitze ein breites Kreuz. Das glaubt mir selten eine Umkleidekabinenzeugin, bis ich es mit Kleidung die mir nicht schmeichelt, unbedingt bewiesen habe. Ich besitze leicht verdrehte Knie, die mir bestimmte Sportübungen verbieten und Yogapants zu reinen optischen Farce mutieren lassen. Ich habe zu große Füße für meine Körpergröße und achte immer auf meine Schuhwahl.

Ich bin offiziell unperfekt. In meinen Augen entspreche ich keinem gelebten Ideal auf Plakaten oder im Netz. Ich könnte das alles beheben, das alles so verändern, dass ich einem Bild mehr entsprechen würde, dem ihr bestimmt auch schon das eine oder andere Mal auf den Leim gegangen seid. Ich würde mich gern selbst belügen und sagen ich würde mich nie unter das Messer legen. Aber manchmal sind die Zweifel so groß, dass ich selbst erschrecke wie viel ich bereit wäre dafür aufzugeben, nur um meinem ersponnenen Idealbild zu entsprechen.

Ich sitze immer noch im Wartezimmer und blicke mich um. Alles schöne Menschen. Auf ihre Art und Weise. Ich bin detailverliebt. Ich blicke zu meinem Gegenüber. Sie kaschiert immer wieder eine kleine Stirnfalte mit ihren Händen. Streicht über sie, kneift die Augen zusammen. Doch sie passt zu ihr, zeigt echtes Leben in ihrem Gesicht. Ein Blick nach links und ich weiß, sie hat mit ihrer Haut zu kämpfen. Ich entdecke einen Pigmentfleck auf dem linken Zeigefinger. Dieser Hautunterschied sieht so unglaublich ansprechend aus, dass ich kopfschüttelnd nicht begreifen kann, wieso sie hier ist.

Da wird mir bewusst, dass ich genau in die gleiche Falle getappt bin. Denn es ist egal, was ich verändern lasse: Ich würde nie zufrieden sein, ich würde nicht mehr aufhören können, nach meinem Bild zu streben. Ich würde nur allzu oft hier Platz nehmen, für noch ein bisschen mehr Glück, noch ein bisschen mehr Erfolg. Ich wäre abhängig von meinem Äußeren. Ich wäre nie wieder fähig mich einfach so wie ich bin zu genießen und würde andere vermeintliche Fehler entdecken. Denn ich bin eine gute Zweiflerin. Aber auch eine Meistern der Erkenntnisse. Ich stehe auf, lege die Zeitschrift zurück und sehe mich im Raum um. Kurz bleibe ich stehen und spreche halb nuschelnd vor mich hin: „Ich glaube das bringt nichts. Ich bin ein wunderbares Mängelexemplar.“ Ich schließe die Tür, mache große Schritte zum Fahrstuhl, drücke den grünen Knopf der nach Ausgang schreit und steige ein. Die Frau mit dem schöne Zeigefinger schleust sich an mir vorbei und lächelt mich an. Wir stehen nebeneinander. Der Lift düst in Richtung Ausgang. Wir wechseln keinen Blick, reden kein Wort miteinander, verlassen das Haus und ich bilde mir ein, ich habe etwas Gutes getan. Wenn auch nicht am Ende nur für mich.

Liebe Grüße

Kommentare

16 Kommentare zu “Mängelexemplar”
  1. Janina sagt:

    Toller Artikel!
    Ich kenne das auch. Die Füße verfluchen, weil viele schöne Schuhe an einem aussehen als hätte ich sie einem Clown geklaut. Die Nase, die etwas schief ist. Die Narben am Oberschenkel, die man jeden Sommer sieht sobald die Haut ein wenig Bräune bekommt. So viele kleine „Mängel“, die uns aber zu dem machen was wir sind. Einzigartig. Es wäre doch langweilig, wenn wir alle „perfekt“ wären, oder?

    • Franzi sagt:

      Danke dir! Ja wir sind so kritisch und finden immer wieder einen Grund, um uns nicht schön zu finden. Ich glaube es geht allesn Frauen so. Ich vermute es mal stark 🙂

      Liebe Grüße

  2. Marion sagt:

    Ich finde an mir auch oft diese Mängel die eigentlich keine sind. Damit vermiest man sich oft selbst alles. Auch die eigene Schönheit die doch individuell ist und auf die man stolz sein sollte. Aber die Medien mit ihren meist künstlichen Schönheitsidealen halten uns einen Spiegel vor, der ein völlig falsches Bild zeigt. Perfekt unperfekt ist doch das eigentliche Ideal 😉

    Viele Grüße,
    Marion <3

  3. Tina sagt:

    Auch ich habe viele Mängel an mir. Aber mit dem Alter (ich bin 36) und 2 Kindern rückt das alles immer weiter in den Hintergrund und ich liebe nun mehr die schönen Dinge an meinem Körper.
    Ich gucke mir auch immer wieder andere Frauen an und bin froh, wenn ich kleine Schönheitsfehler sehe. Und diese Frauen sind trotzdem wunderschön und haben wahrscheinlich die gleichen Probleme wie wir alle… 🙂

  4. Vany sagt:

    Klasse Post! Du siehst toll aus! 🙂 Wie machst du das, dass dein Pony so gut sitzt und nicht von jedem Windstoß zerstört wird? Haarspray? Ich hab das gleiche „Problem“ wie du, aber Kämpfe gegen Wind & Regen… GLG

  5. Tascha sagt:

    Toller Artikel, oh ja, das Gefühl kenne ich nur zu gut 😉 Lieben Gruß

  6. Thao sagt:

    Super Text 🙂
    Ich denke jeder hat seine Makel bzw sieht Sachen an seinem Körper negativ. Niemand ist perfekt und das sollte man wissen. Ich denke man muss einfach lernen mit sich selber ins Reine zu kommen. Nur wenn das wirklich nicht funktioniert, dann kann man natürlich etwas an sich ändern.

    Wir alle sind wunderbare Mängelexemplare 🙂

    LootieLoo’s plastic world

  7. Vany sagt:

    Das wäre toll! Und ich finde nicht, dass es komisch klingt… „My hairstyling“, „How to…“ oder sowas… 🙂 Das ist ja für alle interessant, deine Haare sehen ja allgemein sehr gepflegt und top gestylt aus! :-):-)

  8. Nelli sagt:

    Früher war ich auch ziemlich kritisch. Auch heute stören mich ein Paar Dinge, aber die gehören zu mir. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich habe mich lieben gelernt. Jupp ich habe Röllchen, nen großen Po, ne schiefe Nase und noch ein paar Makel, aber genau deswegen bin ich, Ich!

    Ein wirklich schöner Artikel Franzi, bleib so wie du bist! 🙂

    LG Nelli

  9. Doro sagt:

    Wünderschöner Artikel:)

  10. Steffi sagt:

    Liebe Franzi,
    Ich bin auch so ein Mängelexemplar und leider wird es durch sozial Media und deine Bloggerkolleginnen nicht besser. Viele von denen sind mittlerweile wirklich abgehoben und es hat sehr lange gedauert bis ich kapiert habe das es unrealistisch bzw kein Makel ist wenn ich nicht jede Woche ne neue (Designer-)Tasche , Mantel, Hose etc neu habe! Und ich nicht jeden Tag super gestylt aussehen muss und nicht das perfekte sixpack wie xy oder die schönen Beine von yy oder so weiter haben muss. ich finde viele Blogger sollten wieder mehr Mängel zeigen, immerhin sind sie Vorbilder von soviele jungen Mädchen!
    An dir sollte sich die ein oder andere Bloggerin ein Beispiel nehmen, denn ich finde grade das Unperfekte macht uns perfekt!
    LG
    Steffi

  11. Ina sagt:

    Ein toller Post!
    Ich kenne dieses Gefühl. Ich arbeite als med. Fachangestellte in einer Schönheitsklinik und werde jeden Tag mit diesen Leuten konfrontiert.
    Ich würde am liebsten so oft zu den Frauen hingehen, die wirklich überhaupt nichts zu verbessern haben, und es ihnen sagen. Dass sie so schön sind, wie sie sind.
    Aber das ist natürlich etwas schwierig;)
    Vor allem findet man an sich selbst dann immer mehr Makel, die nicht in dieses perfekte Bild passen! Es ist wirklich nicht einfach aber man muss sich so lieben, wie man ist. Denn diese kleinen Makel machen einen Menschen erst perfekt.

    Ganz liebe Grüße
    Ina
    http://www.mintliebe.de

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