Kolumne

Lebst du noch für dich, oder nur noch für die Onlinewelt?

21. Januar 2018 • 14 Kommentare

Früher Nachmittag. Ein Café, fast schon am Rande der Welt. Ich bin stille Beobachterin. Ganz heimlich, ich versuche nicht aufzufallen in meiner kleinen Ecke, weil es mich interessiert was dort gerade in meinem Blickfeld passiert. Es sollte nicht meine Art sein zwei fremde Menschen zu belauschen, sie zu beobachten und sie später für meine Gedankengänge zu nutzen. Ich hoffe sie nehmen es mir nicht übel.

Lebst du noch für dich, oder nur noch für die Onlinewelt?

Beide sind ganz vertieft in ihrem Smartphone, zeigen sich wohl gegenseitig Bilder und nicken sich ab und zu vielversprechend zu. Sie arrangieren den Tisch heimlich um, blicken sich an und wieder auf das Bild, das wohl als Vorlage dient. Ich spinne mir den größten Teil zusammen, denn es ist viel zu voll hier um wirklich alles zu erkennen. Aber ich erkenne mich in ihr wieder. Es scheint nicht mit dem Bild zu klappen, sie ist frustriert, ihr schönes Lächeln verschwindet stets beim Absetzen der Kamera. Ungeduld kommt auf. Im Raum, am Nachbartisch, beim Kellner der Runden drehen muss und beim Partner, der es ihr nicht Recht machen kann.

Die Stimmung erreicht ihren Tiefpunkt, als nach gefühlten 30 Minuten der Schaum auf dem Cappuccino verschwunden ist und beide kein Wort mehr miteinander wechseln. Kommt mir bekannt vor, denke ich mir. Wie albern, aber gleichzeitig weiß ich auch, was da gerade vor sich geht.

Wir haben alles für das perfekte Bild geben. Den guten Kaffee, die Stimmung und den Spaß zusammen. Ob wir uns davon je erholen können? Ob wir uns jemals wieder ganz frei treffen können, ohne es in einem Bild festzuhalten und frei zu genießen?

Nur weil es nicht online zu sehen ist, ist es doch trotzdem passiert. Nur weil es keiner sieht, muss es doch nicht langweilig gewesen sein.

Lebst du noch für dich, oder nur noch für die Onlinewelt?

Lebst du noch für dich, oder nur noch für die Onlinewelt?

Der Druck etwas zu sein, etwas zu kreieren.

Kennt ihr das Gefühl, wenn nichts von dem was ihr anpackt und umsetzt dem entspricht, was ihr euch vorgestellt habt? Ständig geht es irgendwie besser. Ständig müsste man oder sollte man irgendwie doch besser sein als gestern und es zeigen. Natürlich vergleichen wir gern und natürlich wollen wir uns weiterentwickeln. Besser sein als die anderen. Abheben. Groß rauskommen, gesehen werden. Es klingt fast schon gruselig, wenn wir das als Lebensziele verbuchen sollen, wenn das in den nächsten Jahren immer mehr an Raum gewinnt und wir irgendwann nicht mehr nur noch so in den Urlaub können. Wir müssen uns alles nach dem Gefallen anderer aussuchen, damit sie uns für unsere Auswahl gratulieren, es liken, es kommentieren und neidisch sind. Wir wollen imponieren und kreativ und kulturell interessiert wirken, doch dabei schaffen wir es kaum noch uns Zeit zu nehmen für ein gutes Buch.

Was wird in deinem gedanklichen Rückblick stehen? Mein Urlaub war schöner, teurer luxuriöser? Meine Ziele sind individueller? Meine Wohnung hat nichts mit Ikea zu tun, denn das kauft ja jeder. Loft, Altbau, vorzeigbar. Studentenbude war gestern. Heute muss die erste Wohnung schon voll edel und voll gut sein. Hallo! Wer wohnt heute noch in einer WG, und wenn dann nur das Beste vom Besten. Damals, als das weiße Bettgestell von Ikea noch der Shit war, der Lippenstift von Mac noch als die Invention schlechthin galt und du gern Leggings und XXL Sweater mit Gürtel und noname Tasche kombiniert hast. Heute ist das nicht mehr möglich. Heute bist du nicht mehr in, dabei oder man sieht zu dir auf.

„Ich kaufe das nicht, weil alle es tragen. Ich trage es, weil es auffällt.“

Die Wahrnehmung hat sich verschoben. Dafür ist die Außenwirkung als Lebensziel in die Mitte gerückt und das Streben danach hat sich Gefühlt verdoppelt.Wir müssen uns noch mehr abheben, wir setzen uns noch größeren Vergleichen aus, wir lassen uns ganz schön hetzen und können gar nicht mehr genießen, was wir an kurzer Lebenszeit haben.

Vorzeigbar.

Mein Wort, das mich gedanklich jagt. Es treibt uns an, lässt uns zweifeln und vor allem eines nicht tun: Zu uns stehen. Wir verlieren uns in alldem, was augenscheinlich gut ankommt und was gezeigt werden soll, nur um zu hören „Du bist hübsch, toll, deine Wohnung ist ein Traum, deine Reise ist die beste die ich je gesehen habe.“ Dabei machen wir doch alle das Gleiche. Leben.

Wenn du in 30 Jahren auf dein Leben zurückblickst: Wird es dein Leben gewesen sein? Oder war es das Leben, das man von dir erwartet hat?

Lebst du noch für dich, oder nur noch für die Onlinewelt?

Alles Liebe

Kommentare

14 Kommentare zu “Lebst du noch für dich, oder nur noch für die Onlinewelt?”
  1. Nicci sagt:

    Du triffst den Nagel auf den Kopf mit dem Beitrag! Als ich das gelesen habe, habe ich mir einfach nur gedacht, wie recht du hast. Eigentlich ist das eine sehr traurige Wahrheit, aber ich selbst kann mich davon leider auch nicht freisprechen. Dazu kommt noch der ständige Druck, den man sich setzt, „rauszustechen“ und eigene Ziele umzusetzen – Echt traurig … Noch ein Beispiel: Konzerte – Wenn man überlegt, wie viele Leute ihr Handy hochhalten, statt den Moment zu genießen, ist das echt schockieren.

    Liebe Grüße
    Nicci von http://www.gossip-gaga.blogspot.de

  2. Thomas sagt:

    … ich bin auch aufgewachsen mit so vorurteilen und schubadisierungen wie „modetussi“ – gemeint eine, die nur das schönsein im sinn hat. doch mittlerweile … der hang zur ästhetik ist einer, der aus einer inneren leidenschaft heraus getragen wird, die kritische auseinandersetzung dafür ist, das eigene wesen gekonnt unterstreichen zu wollen – je vielfältiger die modeindustrie ihre möglichkeiten auffächert, umso bunter wird die zulässigkeit des guten geschmacks, der immer aus dem wohlfühlfaktor der trägerin und zunehmend des männlichen pendants resultiert. namhafte designer mischen sich unter die grossen möbelhersteller … also ich habe noch keine zwei frauen gesehen, die im selben kleid dieselbe wirkung erzielten … und gerade das macht es spannend liebe franzi! irgendein thomas

  3. Kostantina sagt:

    Hi, Fran!
    Ich habe deine Kolumne gelesen und die hat mich sehr traurig gemacht! Wieso? Weil ich genau heute ja so eine Situation mit meinem Mann hatte! Alles was du beschrieben hast trifft auf mich zu! Eigentlich schäme ich mich manchmal dafür: ich bin eine Erwachsene Frau und keine naive 15 Jährige Teenager mehr! Sich deswegen fertig machen zu lassen, oder Gedanken daran zu verschwenden!
    Leider ist es Tatsache und Realität geworden! Weil man sich ein Ziel gesetzt hat, weil die Anerkennung einem nicht mehr genügt.
    Ich weiß es auch nicht! Früher war alles so viel unbeschwerter und wir leben wirklich in der Matrix!
    LG
    Kostantina
    http://evasgirlblog.blogspot.de/

  4. Ela sagt:

    So wahre Worte ♥… seit letztem April habe ich bedingt durch einen nicht sehr schönen Umstand meine Sichtweise geändert bzw neu fokussiert und konzentriere mich mehr auf mich und mein direktes mir am Herzen liegendes Umfeld, denn nur das hier und heute ist wichtig, wer weiß was morgen ist und gestern ist gewesen…. man hat nur ein Leben und das sollte man nutzen um glücklich zu sein 😉 😄 in diesem Sinne => gaaaaaanz liebe Grüße 🌺 🌺

  5. MIRJAM sagt:

    Wie war das leider ist. Auch wenn man denkt „ich doch nicht“ – man findet sich selbst auch in solchen Situationen, die man bei anderen belächelt. Denke es ist einfach wichtig, sich dessen bewusst zu sein. Lieber für einmal den Cappuccino heiss geniessen und das Insta-Bild vergessen 😉
    Liebst, Mirjam | http://www.miiju.ch

  6. Mara sagt:

    Die jagt nach dem perfekten Foto kann so nervenaufreibend sein, leider ist das auch bei Menschen Realität, die nicht ihr ganzes Leben online präsentieren. Wie oft hat man schon versucht mit seinen Freundinnen ein Gruppenfoto zu machen, meist ein fast unmögliches Unterfangen, das oft in Missmut bei mindestens einer Person endet..
    Ich kann mich da auch nicht frei von sprechen, was hat mich alles schon zur Weißglut gebracht?! Da ruft das süße Café, dessen Stimmung sich einfach nicht in meinen Bildern wiederfinden lassen will, der Blumenstrauß, bei dem die makelbehafteten Blätter immer vorne zu sein scheinen oder ein Bild von mir mit einem zweifelhaften Schatten im Gesicht eine unfassbare Unzufriedenheit hervor, die das Gefühl was man einfangen wollte gradezu kaputt macht.
    Du hast das in deiner Kolumne mal wieder gut beschrieben und mich zur Selbstreflektion eingeladen, ich nehme für mich mit mehr Gelassenheit in diesen Situationen an den Tag zu legen und das Handy/ die Kamera vielleicht einfach schneller weg zu stecken..

  7. Lisa sagt:

    Hallo Franzi,

    wie wahr, wie wahr. Mal wieder ein Thema, welches uns wohl alle in der heutigen Zeit beschäftigt.

    Meine Mutter und ich waren vor kurzem nach einer Shoppingtour bei einem Italiener essen. Da saßen am Nebentisch vier Mädchen im Alter von 13 – 15 Jahren. In der Stunde, in der wir dasaßen und gegessen haben, haben die vier sich nicht einmal angesehen. Alle waren in ihre Smartphones vertieft.

    Meine Mutter hat mich entgeistert angesehen und mich gefragt, was denn mit der heutigen Welt los sei.

    Und dann hab ich sie angesehen und gemeint, als ich in diesem Alter war, hätte man uns aus dem Restaurant gejagt weil wir nur am gackern und kichern gewesen wären. Da war Handy ein Fremdwort.

    Und in diesem Moment ist mir aufgegangen, dass es tatsächlich so ist. Jeder Moment, alles muss plötzlich im Handy festgehalten werden.

    Aber erinnern wir uns später an die Momente zurück und sagen, ah ja das war da als ich dieses Bild gepostet habe? Oder sagen wir nicht lieber, das war der Tag an dem mir meine beste Freundin bei einem schwieirgen Thema geholfen hat an einem ruhigen Nachmittag im Cafe?

    Ich bin nicht besser. Überall das Handy. Tausend verschiedene Apps auf denen man Fotos postet, nur im nicht in Vergessenheit zu geraten. Aber brauch ich das? Oder möchte ich später auf mein Leben schauen und sagen, die wichtigsten meiner Freunde waren immer für mich da. Ich brauche keine tausende von Follower.

    Oje, jetzt bin ich abgeschweift. Tolles Thema über das man sich tatsächlich tausend Gedanken machen und tausend Diskussion anzetteln könnte. Super.

    Liebe Grüße
    deine Lisa.

  8. Caro sagt:

    „Vorzeigbar.

    Mein Wort, das mich gedanklich jagt. Es treibt uns an, lässt uns zweifeln und vor allem eines nicht tun: Zu uns stehen. Wir verlieren uns in alldem, was augenscheinlich gut ankommt und was gezeigt werden soll, nur um zu hören „Du bist hübsch, toll, deine Wohnung ist ein Traum, deine Reise ist die beste die ich je gesehen habe.“ Dabei machen wir doch alle das Gleiche. Leben.“

    Dieser Absatz hat mich wirklich ins Grübeln gebracht. Jedes Mal wenn ich deinen Blog verlasse, bin ich ausgestattet mit so vielen neuen Gedankenanreizen! Das mag ich so sehr an deinen Artikeln. Ich denke schon selbst sehr viel nach über alles und jeden, aber hier finde ich nochmal andere Facetten, Blickwinkel, die mir selbst so nicht in den Sinn gekommen wären. Danke!

    Liebe Grüße,
    Caro von ouiouimarie.de

  9. Stefanie sagt:

    Toller Beitrag, der zum Nachdenken anregt!
    DANKE dafür <3

  10. Niko sagt:

    Hey Franzi,

    bin über diesen Beitrag auf deinen Blog gestoßen und begeistert… und das als Mann 😉
    Erstmal das äußere: Schriftart und Größe, Style, aufgeräumt, klar und doch irgendwie verspielt… herzlichen Glückwunsch dazu!
    Aber auch innerlich! Der Text begeistert mich. Ich liebe diesen Schreibstil. Kurze Sätze. Gedanken in der Luft. Ansprechen ohne Auszusprechen…
    „Nur weil es nicht online zu sehen ist, ist es doch trotzdem passiert. Nur weil es keiner sieht, muss es doch nicht langweilig gewesen sein.“ Toll!

    Ich blogge und YouTube erst seit einem halben Jahr, viel im DIY und Upcycling Bereich, aber auch Travel und LifeStyle. Ich bin sehr froh, dass mein Alltag nicht zum Produkt geworden ist, ansonsten hätte ich genau diese Themen – aber wie ich als Zombie meine Zahlen und Abonnenten verfolgt habe – ok ich bin ehrlich – verfolge… beängstigend!!!

    Weiter so!

  11. Oh, da steckt so viel Wahres drin, was mir selbst immer wieder wie ein Blitz aufleuchtet, wenn der Kaffee vor mir langsam kalt wird, während ich noch versuche, den richtigen Filter zu setzen. Ich habe vor einiger Zeit auch etwas in die Richtung geschrieben (soll kein Link-Spam sein, ich dachte nur, dass es ganz gut zusammenpasst): https://tinkanordlys.wordpress.com/2017/08/13/scheitern/

    Danke für den schönen Beitrag, alles Liebe und mit Hoffnung auf mehr heißen Kaffee
    Tinka

  12. Juliet sagt:

    Liebe,

    auf solch einen Bericht habe ich gewartet. Nachdem mir vor einigen Tagen ‚vorgeworfen‘ wurde, ich ließe mich zu sehr von SocialMedia beeinflussen & strebe den schönen Dingen nach, musste ich erst einmal tief Luft holen. Ich hatte mich zuvor schon selbst bei demselben Gedanken erwischt, aber das auch von einer anderen Person ausgesprochen zu hören – das saß.

    Abstand halten. Wenn alles zu viel wird, sich auf das Wichtige besinnen. Das ‚perfekte‘ Bild zu produzieren kostet manchmal alle Nerven. Bereitet schlechte Laune, ein Teufelskreis. Tief durchatmen, morgen ist ein neuer Tag.

    Und weisst Du, was das schlimme ist. Auslöser ist auch der Druck von uns selbst an uns selbst. Perfektion. Ich kann das besser. Ich muss.

    Dabei sind doch die schönsten Momente die, die wir nicht einfangen können. Viel zu kurz, um mal eben das Handy zu zücken. Vielleicht einfach mal genießen… und danach vielleicht davon erzählen. Mit einem Lächeln im Gesicht und echten Emotionen, dem Nachklang der schönen Zeit.

    Es tat gut, zu lesen, dass auch andere dasselbe durchmachen. Obwohl ich gerade nicht weiss, ob das eher zum Bedenken geben sollte. Wir müssen selbst wissen, wo der Notgriff betätigt und gestoppt werden muss.

    Viele Grüße, Juliet
    http://www.withjuliet.com

  13. Anonymous sagt:

    Ein grandioser Artikel, der definitiv zum Nachdenken anregt.
    Mich macht das ganze traurig. Ich habe zwar vor kurzem zu bloggen begonnen, bin aber definitiv nicht nur in der online Welt zuhause. Ich lege viel Wert auf Qualitytime mit Freunden und Familie, möchte möglichst viele Erfahrungen im real life sammeln, denn diese sind der Wahre Reichtum im Leben eines Menschen. Das wahre Leben spielt sich nicht im Internet ab!

    Das ist es auch, was ich Anderen in meinen eigenen Artikeln immer wieder klar machen möchte. Ein Widerspruch, eine virtuelle Realität zu nutzen um auf das echte Leben hinzuweisen!? Nun, man muss die Leute eben dort abholen, wo sie sind. Im Idealfall verliere ich ein paar Leser, weil sie damit beginnen, endlich zu leben ohne den Einfluss von Social media und Co 🙂

    Denn der Gedanke macht mir Angst, dass unsere Kinder irgendwann kein normales Gespräch mehr mit ihrem Gegenüber führen können, weil sie es gewohnt sind per Smartphone zu kommunizieren. Was wäre das für eine asoziale Welt voller Smombies? (Smartphone Zombies)

    Liebe Grüße, Kay.
    http://www.twistheadcats.com

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