Kolumne

Wenn wir nicht erwachsen werden wollen, weil …

26. November 2017 • 9 Kommentare

Wenn wir nicht erwachsen werden wollen, weil es nicht lässig, nicht zeitgemäß auf andere wirkt. Weil wir immer wieder online sehen, welches Leben wir führen könnten.

erwachsen werden trend immer jung bleiben

Sie ruft mich an, sie schreibt mir, ich freue mich auf ein Treffen. Diese Art von Treffen die fast nie zu standen kommen, weil beide mit einem Job in einer anderen Stadt irgendwann gefühlt verschiedene Zeitzonen betreten haben. Ich bin im Hotel und mache mich fertig, alles wie immer: Shirt, Blazer Jeans. Rote Lippen müssen als Highlight reichen, weil mir danach ist. Kurz überlege ich, ob ich ein „How to Impress“– Outfit einpacken sollte, will mir aber eigentlich treu bleiben.

„Bleib so wie du bist, so wie du dich jetzt wohlfühlst.“

Bad Hair Day- Mütze auf und los. Erster Treffpunkt: Dinner zu zweit. Wir begrüßen uns und sie sieht klasse aus. Schwarzes Kleid, ich muss ihre Figur bewundern. Manchmal bin ich sehr oberflächlich, aber werte positiv. Sie hat einfach eine Hammerfigur. Die hatte sie schon seit ich denken kann. Volleyballerin aus Leidenschaft, und jetzt? Sie Anwältin, ich selbstständige Bloggerin. Zwei Welten die aufeinander treffen, aber es geht immer wieder gut.

Wir setzen uns, reden uns durch unser Leben bis zum Dessert und wollen am Ende noch in der hauseigene Cocktailbar meines Hotels, den letzten Drink schlürfen. Als Absacker auf unser erneutes Treffen, als Goodbye Drink. Oben angekommen dann Skyline, bunte Lichter, guter Bass, aber semi gute Cocktails. „Nicht alles was glänzt und über 20 Euro kostet ist auch wirklich immer gut“ stellen wir beide lachend fest. Aber wir verbringen Zeit miteinander, das ist uns beiden gerade das Wichtigste. Der Draht steht, ich verstehe sie und sie mich. Das gefällt uns. Dennoch will ich mich nach 12 verabschieden. Es hat einen Grund warum ich an einem Freitagabend nicht auf der Couch, sondern in einem Hotelzimmer verbringen werde. Mein Termin morgen, an einem Samstag, soll nicht warten oder von mir mit dicken Augenringen begrüßt werden, daher muss ich los.

Kurz bevor wir den Tisch räumen wollen, muss sie mir noch eine Kleinigkeit verraten und ich überlege was es ein könnte. Liebe? Baby? Umzug? Hochzeit? Kein Plan, was den ganzen Abend warten konnte und am Ende doch noch raus muss. Aber ich bin gespannt. Dann rückt sie noch schnell mit der Sprache raus. Sie hat sich eine Auszeit genommen, will erst einmal leben bevor sie ihr letztes Examen ablegt. Ich wundere mich, da unsere Eltern sich regelmäßig austauschen und sie so stolz von ihrer Tochter erzählen, der angehenden Anwältin. Nein, sie will leben und hat sich ein WG-Zimmer genommen, hier in Berlin, Szene und so. Hier geht was. Hier lebt man richtig. Es ist so toll wieder zu leben, in die Nacht hinein und all das zu machen was sie die letzten Monate und Jahre nicht ausleben konnte. Versteh ich. Immer Einserkandidatin, Klassensprecherin und nach dem Abi genau gewusst wo es hingehen sollte. Gott war ich neidisch auf ihren fertigen Lebensentwurf.

Meiner war langsamer und mühseliger, weil ich nie genau wusste wer ich war und wer ich sein will. Das sah bei ihr immer anders, ja so einfach aus. Ist es wohl doch nicht. Das Leben der anderen scheint von außen betrachtet immer schöner und glücklicher. Aber ich schaue meiner Schulfreundin eben dann doch nur bis zur Stirn und nicht in ihr Herz hinein.

Ich drücke sie zum Abschied und wünsche ihr viel Erfolg beim Finden und Ausleben. Heute ist ja nichts mehr dabei sich einmal eine Auszeit von seiner Lebensplanung zu nehmen oder sie umzuschreiben. Im Gehen fordert sie mich doch noch auf mitzukommen, da es ein grandioser Abend werden wird, den ich nicht vergessen werde. Doch das ist nicht mein Abend, das ist nicht mein Plan. Meiner sieht anders aus. Ab ins Bett, aufstehen und für meinen Job morgen fit sein. Trotzdem fühle ich mich schuldig, als ich die Hotelzimmertür fest hinter mir zudrücke, um so die Gedanken gleich mit auszusperren. Ich putze mir die Zähne und frage mich ob ich etwas verpasse, ob es das war. Erwachsen sein, sich für eine Sache entscheiden und sie durchzuziehen.

Ich lege mich hin, schalte das Licht aus und wache Punkt sieben Uhr auf. Die Nacht war kurz, aber ich bin fit. Ich gehe zu meinem Termin und sitze fünf Stunden später mit einem erfolgreichen Grinsen im Zug. „Es hat sich alles gelohnt“ sage ich zu mir und freue mich für mich selbst von Herzen. Die nächsten Wochen werden aufregend denke ich mir und werde von einer Sprachnachricht aus meinen Träumen gerissen. Meine Schulfreundin ist jetzt aufgestanden. „Wild sei es gewesen, ich hätte die Party meines Lebens verpasst.“ Ich tippe ihren Namen auf Facebook und Instagram ein und kann den Abend von unserem Essen bis zum Cocktail, der grandios auf den Bildern aussieht, rekapitulieren. Die wilden Partybilder ebenso, wie sie angetrunken süß alle grüßt, tanzt, mal stolpert, Spaß hat und am Ende lässig mit Pommes und Burger im Späti versackt.

Ich horche in mich hinein und erkenne, da ist kein Gefühl von „Ich habe etwas verpasst“.

Ich war nicht dabei, ich habe den Abend nur im Bett verbracht. Ich habe mich für meine Sache entschieden. Das mag für viele ab Ende 20 noch nicht wichtig sein und sich für viele zu spießig oder langweilig anfühlen, aber für mich nicht. Vielleicht habe ich mich jetzt mehr gefunden als früher. Vielleicht ist sie dafür mehr auf der Suche nach sich selbst als sie es früher war.


Wollen wir manchmal nicht erwachsen werden weil uns oft genug suggeriert wird, dass wir noch ewig Zeit für alles andere hätten? Ist es old school Prioritäten zu setzen, weil es wichtiger ist sich zu präsentieren und ein Leben zu haben das andere beneiden können? Ich steige aus dem Zug aus, komme Heim und freue mich auf einen ruhigen Sonntag. Mein Priorität liegt hier. Wo liegt deine? Und muss sie andere immer beeindrucken? Für wen leben wir das Leben, das wir online so gern zeigen? Für uns, oder um andere zu beeindrucken? Ich habe nicht das Gefühl etwas zu verpassen. Ich habe das Gefühl wir sollten uns viel öfter fragen welches Leben wir wollen und nicht, welches Leben online gut aussehen könnte.

Wenn wir nicht erwachsen werden wollen, weil es nicht lässig, nicht zeitgemäß auf andere wirkt. Weil wir immer wieder online sehen, welches Leben wir führen könnten.

Kommentare

9 Kommentare zu “Wenn wir nicht erwachsen werden wollen, weil …”
  1. Laura sagt:

    Ein wirklich toller Text. Er regt mich zum Nachdenken an und ich stelle mir obige Fragen auch öfters. Ich bin in einem normalen 9to5 Job und überlege oft, ob ich was verpasse, ob alles gut ist, so wie es ist. Was ich für die Zukunft will, ob da noch mehr auf mich wartet oder ob es so ok ist wie ich lebe. Muss ich Menschen beeindrucken, ich denke nicht. Ich will einfach Leben, egal wie und wenn sich mein Lebenskonzept schlagartig ändert, meinet wegen. Ich bin sehr glücklich zur Zeit, gehe aber zwischendurch in mich und horche, stelle aber fest dass ich nicht dass Gefühl habe mehr zu wollen und ausbrechen zu müssen. Danke für diesen Sonntagspost

  2. Lena sagt:

    Wow! Ein sehr toller Text, mit dem ich mich absolut identifizieren kann. Ich stehe zurzeit am Ende meines Bachelorstudiums und das Erwachsensein scheint gar nicht mehr so schrecklich weit entfernt zu sein, wie damals. Hin und wieder erwische ich mich auch dabei, dass ich einfach mehr Lust auf einen Sonntagabend mit Tatort und Kuscheldecken habe, statt die nächste Nacht durchzutanzen. Aber ich finde das völlig ok und fühle mich wohl dabei, auch wenn meine flauschige Pyjamahose vielleicht nicht das beste Instagram-Motiv liefern wird. Und auch wenn ich an manchen dieser Abende mit Sicherheit etwas verpasst haben könnte, bereue ich doch keine Sekunde meine Entscheidung. Denn in jenem Moment hat sie sich für mich allein richtig angefühlt und das ist das Wichtigste! Einen schönen Sonntag wünsche ich dir 🙂

  3. Edyta sagt:

    Wow- toller Beitrag.
    So geht es mir auch ziemlich oft. Ich werde in 3 Wochen 28 und hab nicht das Gefühl etwas zu verpassen. Ich habe gelebt, gefeiert, genossen und geliebt.
    Ich habe eine Mann an meiner Seite, bei dem / mit dem ich mich angekommen fühle. Ich habe zwei Jobs die mir Spaß machen und ich habe meine Freunde, mit denen ich die Nächte durchfeiern kann.
    Auch wenn mein Freund 12 Jahre älter ist als ich und er nicht feiern geht, wir dadurch oft am Wochenende auf dem Sofa sitzen und uns einen gemütlichen Abend machen, kann ich feiern gehen, wenn ich möchte. Und ich mache es, wenn mir danach ist. Es kommt selten vor, aber dann ist es umso lustiger.
    Ich lebe mein Leben so wie es mir gefällt und nicht wie es nach außen hin ausschaut.
    Ich bin zufrieden mit meinem Leben und zwar ganz genauso wie es ist.
    Manche brauchen einfach länger um zu sich zu finden, müssen ausbrechen oder sich und alles testen. Und das ist okay 🙂
    Wichtig ist doch, dass man in diesem Moment Glücklich ist 😉

  4. Frau L sagt:

    Ich habe auch ein typisches normales Leben. Mit normalem Job, Wohnung, Freunden, Partner und Hund 😀

    Als ich schwer krank wurde und danach Gott sei dank wieder gesund, las ich immer von Sachen wie „Nach meiner Erkrankung bin ich ausgebrochen / habe eine Weltreise gemacht / mich neu gefunden“. ICH wollte mich nie neu finden. Ich wollte ein normales Leben, aber hab mich trotzdem manchmal gefühlt als MÜSSTE ich mein Leben neu ordnen nur weil mir was schlimmes zugestoßen ist. Irgendwann hab ich gemerkt, dass ich gar nichts muss 😉

  5. Franzii sagt:

    Liebe Franzi,
    das ist eine schwierige Frage. Ich sehe oft Bilder und höre Erzählungen die mich neidisch machen, aber am Ende bin ich glücklicher mit meinem Freund auf dem Sofa , als angetrunken auf einer Party. Oft beneide ich Leute darum, dass sie so ein aufregendes Leben führen können. Doch letztendlich wollte ich immer einen Partner mit dem ich alles möchte. Haus, Kinder und Hochzeit. Nun habe ich den Partner und erwarte unsere Zukunft mit Freunden. Jetzt muss ich nur noch lernen, nicht mehr neidisch zu sein und zu begreifen, dass ich alles habe, was ich mir immer gewünscht hab.

    Beste Grüße

  6. Iris sagt:

    Ich mag den Beitrag wirklich sehr gern! Ich stand und stehe immer mal wieder vor der Frage, wie es nun weiter gehen soll. Bei mir hat es auch gedauert, bis ich mir sicher war, welcher Weg doch der richtige für mich ist. Ich wollte immer etwas Außergewöhnliches, etwas Spannendes machen. Jetzt peile ich dann doch ein 0815-Leben an, und das ist wundervoll so. Genau das will ich. Auch wenn es für andere nichts ist. Für mich eben schon 🙂

  7. Dany sagt:

    Liebe Franzi, ein sehr schöner Beitrag. Ja, diese eine Frage – die haben wir uns auch schon oft gestellt. Wenn es ums Reisen und Städte erkunden geht, ja dann fühle ich mich als würde ich etwas verpassen. Aber nicht wenn es um Partys geht. Die sind meistens nur für ein paar Stunden toll und tatsächlich sollte man gehen wenn es am schönsten ist. Mittlerweile genieße ich einfach die Abende auf der Couch, Tee, meinen Liebsten um mich und einen schönen Film zusammen schauen oder mit Freunden einfach nur quatschen. Wenn es mich mal packt und ich mal wieder zappeln gehen möchte, dann tun wir das. Aber mit dem Wissen, wir müssen nicht mehr wach bleiben bis die Wolken wieder lila sind…

    Ich wünsche dir einen schönen Tag
    Alles Liebe Dany
    http://www.danyalacarte.de/

  8. Sabrina sagt:

    Lustigerweise hatte ich gestern mit Kollegen am Mittagstisch das gleiche Gespräch. Das es nicht langweilig ist, wenn man mit Ende 20, Anfang 30 nicht mehr jedes Wochenende feiern geht. Das es sogar schön ist, wenn man das nicht mehr „muss“. Man nicht mehr das Gefühl hat etwas zu verpassen. Letztendlich sollten wir das machen, was uns glücklich macht. Bei dem einen ist es feiern, bei dem anderen arbeiten, Sport, Netflix etc.

    Toller Beitrag! Du sprichst immer genau die Themen an, die mir auch im Kopf herum spuken.

    LG, Sabrina

    http://www.lifestyledbys.com

  9. Berit sagt:

    Oh Franzi, das sind so wahre Worte! Dieses ständige Gefühl, etwas verpassen zu können, weil man andauernd und überall präsentiert bekommt, was man hätte machen können oder wie ein Leben aussehen kann. Für mich sind es die wirklich starken Menschen, die sich von diesem Gefühl distanzieren können, sich nicht unbedingt mitreißen lassen müssen, nur um am Ende nichts verpasst zu haben.
    Und am Ende müssen wir wohl selbst entscheiden, was uns glücklich macht und wer – wie es auf Instagram für andere aussieht, ist uns dann hoffentlich irgendwann egal!

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