Kolumne

Eine Liebesgeschichte ohne Happy End Nachts in einem Taxi in Berlin

12. November 2017 • 4 Kommentare

Ich fahre in Berlin grundsätzlich Taxi. Es lohnt sich und ist oft angenehmer, als den Koffer über die holprigen Bahnsteige zu schleifen und nebenbei noch irgendwie die Orientierung zu behalten, in dieser großen, lauten und vor allem hektischen Stadt.
Berlin ist mir zeitlich immer einen Schritt voraus.

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Alle rennen aneinander vorbei, niemand hat noch den kurzen Moment im Leben übrig um nach oben zu schauen, um durchzuatmen, um die Umwelt wahrzunehmen. Kulturschock, wenn man mit dem Zug aus einer kleinen verschlafenen Stadt anreist. Abgestumpft, wenn man oft genug nach Berlin muss. Ich passe mich an, ducke mich und renne nach 23 Uhr zu einem Taxi. Schnell weg, schnell ankommen, schnell den nächsten Tag erwarten. Ich weiß heute nicht einmal mehr warum ich an diesem kühlen Herbstabend noch in Berlin war, ich kam aus Paris. Ich kann mich jedoch ganz genau erinnern, wie ich in ein Taxi stieg und begrüßt wurde, ich meine Adresse herunter spulte, um mit meinem Blick ja wieder schnell auf meinem Telefon zu landen. Zu spät am Tag, zu viel geredet und zu müde um noch ein paar nette Worte auf den Lippen zu haben.

Ich halte lieber den Mund und will mich auf meine Fahrt konzentrieren.

Ich starre aus dem Fenster, sehe Dunkelheit, kleine Lichter, ein paar Spaziergänger. Ich muss weiter raus aus Berlin als gedacht. Ich buche immer kurzfristig und verwechsle oft genug Hotel und Stadtviertel oder beides auf einmal. Der Taxifahrer räuspert sich und will von mir wissen, was ich zu später Stunde noch in Berlin will. Ich denke mir „Ankommen, was für eine blöde Frage.“ Leicht zickig, weil ich übermüdet bin, versuche ich nett zu sein. Ich starre auf einen kleinen angeklebten Eiffelturm auf dem sonst so aufgeräumten Armaturenbrett. Diese Art von Souvenir, an dem man irgendwann vorbeigeht, ohne es eines Blickes zu würdigen. Typisch Touri. Dort war ich auch, ihn habe ich auch, aber ich müsste ihn nicht mehr haben. Wir beide behalten das Plastikding gleichzeitig im Auge. Es wackelt leicht in jeder Kurve.

 

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„Ich war lange Zeit in Paris…“ höre ich von vorn, unterstrichen von leisem Radiosummen. Bin ich zu müde um nachzuhaken? Schließe ich kurz die Augen?

Ich richte mich auf, möchte höflich sein und erzähle ihm, dass ich gerade von dort komme und die Stadt sehr schätze, für ihren Flair, für die Menschen, für die Einstellungen zu gewissen Dingen die wir teilen. Die Pariser und ich. Wie weltgewandt ich klingen muss und wie blöd ich diesen Gedanken im gleichen Moment finde. Sofort frage ich etwas sanfter nach, was er mit Paris verbindet.

Kurze Stille, räuspern und irgendwie scheinen wir in diesem Moment eine Verbindung aufzubauen. Aus dem Nichts wird er etwas kraftvoller in seiner Stimmfarbe und erzählt mir von seiner Flucht aus der DDR. Es war die Freiheit die in antrieb und die Liebe, die ihn nach Paris brachte. Dort lebte er in leerstehenden Häusern, bei Freunden und dann irgendwann mit seiner Freundin zusammen. Er fing an zu studieren, suchte sich Nebenjobs und lebte vor und nach dem Mauerfall lange Zeit in der Stadt, die ich so vergöttere. Er bereiste ganz Frankreich mit ihr, sie suchten sich einen netten Platz außerhalb von Paris um zu leben, zu feiern und um zu zweit zu sein. „In Paris ist das möglich“ denke ich mir und werfe es frech ein. Er nickt und verstummt.

Ich bin auf einmal hell wach und unglaublich neugierig. Vielleicht weil mein Leben gerade jetzt, in diesem Moment, nicht ansatzweise so interessant klingt wie seine Geschichte. Vielleicht auch weil ich wissen will, wie man dann in Berlin landet und nachts Menschen von A nach B fährt. Ich stelle diese Frage kleinlaut. Ist sie zu persönlich? War das unhöflich? Werte ich ihn?

Doch er antwortet ohne Emotionen. Er kam zurück, vor acht Jahren, weil die Liebe zerbrach und mit ihr auch die Zuneigung zu dieser Stadt. Er würde es heute nicht ertragen dort ohne sie zu leben. Mist hätte er gebaut, Angst habe er gehabt und er wäre lieber gegangen. Berlin war nicht sein Endziel, doch er blieb hängen „…mit dem Leben und seinen Gedanken…“, ergänze ich heimlich in meinem Kopf. Ich lehne mich zurück und muss diesen herben Umschwung in dieser so romantischen Geschichte verdauen. Manchmal tue ich mich schwer mit einem Ende, das so gar nicht in meinem Kopf zusammenkommen will.

Wir schweigen uns an.

Nur das leise Summen des Autoradios ist zu hören und das sanfte Klicken des Taxameters.

Wir halten an. Die große Schrift des Hotels leuchtet ihn für einen kurzen Augenblick an, ich blicke in sein Gesicht. Ich kann keine Emotion erkennen. Ich habe aber das innere Bedürfnis ihm etwas zu sagen, ihm einen Rat zu geben. Es liegt mir auf den Lippen, ich muss es wagen. Ich bezahle, gebe Trinkgeld und ihm die Hand. Er schaut mich verdutzt an. Ich sage es ohne einen Gedanken gerade heraus: „Kümmern Sie sich darum wieder nach Paris zu kommen, Sie müssen da noch etwas klären.“

Ich steige aus aber traue mich nicht zurückzublicken, weil ein junges Ding einem erfahrenen Mann einen Lebensratschlag mitgeben wollte und nun hofft, dass sie damit etwas bewegen kann. Die Nacht ist zu kurz, seine Geschichte lässt mich nicht los. Ich bin für ihn eine ganze Weile mit traurig.

 

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Ich denke heute noch oft genug an diese Taxifahrt und dieses sehr persönliche Gespräch. Vielleicht sind verpasste Chancen viel schlimmer als die Gewissheit, dass man alles mögliche getan hat um glücklich zu werden, auch wenn es am Ende kein Happy End gab. Sind Happy Ends immer gewünscht? Ich möchte diesen Taxifahrer gern wieder sehen, ich möchte, dass er jetzt in Paris ist und sein persönliches Happy End findet.

Ich möchte mich nie an einem Punkt in meinem Leben wiederfinden, an dem ich meiner Lebensgeschichte nicht noch eine Chance gab und alles versuchte. Ich möchte, dass mein Umfeld mich bestärkt und mir einen Denkanstoß gibt, falls ich mich doch verrenne.

Ich möchte das Happy End.

Kommentare

4 Kommentare zu “Eine Liebesgeschichte ohne Happy End Nachts in einem Taxi in Berlin”
  1. Jule sagt:

    Wow, wundervoll geschrieben und bringt einem zum Nachdenken.

  2. Marie sagt:

    On point wie immer. Das Outfit ist bezaubernd und erst der Text.

    Große Liebe

  3. Lea sagt:

    Großartig geschrieben! Hat mich emotional sehr berührt. Und tolle Bilder obendrein!
    Vielen Dank für die schönen Zeilen, diebDubmit uns geteilt hast!

    Lea <3

    silkdemunique

  4. Krissy sagt:

    Gänsehaut <3

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