Kolumne

Das Recht dich nicht gut zu fühlen, die Pflicht dich zu lieben

8. Oktober 2017 • 9 Kommentare

Ich laufe gedanklich wieder auf und ab. Ich grüble. Soll ich mich gehen lassen und den negativen Gedanken über mich wieder alle Bahnen frei räumen? Soll ich dem Gefühl, das mich nicht mehr loslassen wird, die Erlaubnis dazu geben? Ich habe ja das Recht unglücklich zu sein, die Möglichkeit, alles an mir für bescheiden zu erklären und mich ein wenig in meinem Mitleid zu suhlen.

Das recht dich zu lieben unglücklich sein happy sein selbstfindung

Zulassen, ausleben, heilen. So sollte es doch ablaufen? Oder sich immer wieder im Kreis zu drehen und die Angst wachsen zu lassen zu versagen, nicht in das Bild zu passen, das man nur all zu gern von sich selbst hat.

Und vielleicht erkennen dann die anderen auch, was für eine Blenderin du bist. Gruselig, dass wir fähig sind solche Gedanken über uns selbst aufzubauen, sie züchten, sie groß werden lassen und ihnen die Möglichkeiten geben uns zu schlucken.

Ich weiß auch nicht warum, aber da stehe ich wieder zwischen all diesen schönen Menschen, die natürlich unglaublich gebildet und gut gekleidet auf mich wirken. Sie reden selbstsicher, bewegen sich ruhig und elegant, und kurz komme ich mir wieder vor wie das Landei vor, das hier eigentlich nichts zu suchen hat. Ich blicke auf meine Schuhe und sehe kleine dunkle Flecken. Ich wollte schneller da sein und entschied mich für die Straßenbahn. Durch Matsch und kurzen Nieselregen huschte ich am Eingang vorbei und hätte es da schon besser wissen müssen:

Dieser Abend wird nicht meiner.

Die Stimmung ist gut, meine dafür getrübt, nur von mir allein und meinen Zweifeln. Woher die kommen? Ich würde sagen, sie sind mit mir gewachsen, haben sich an den falschen Leuten gemessen und mir schon immer ganz heimlich erzählt, wieso etwas schon wieder nicht stimmt an mir. Mal ist es das Outfit, mal die Themenwahl, mal die Stadt aus der ich komme; mal das Studium, mal der Job oder einfach nur meine verquere Art mich selbst nicht so zu akzeptieren wie ich bin. Ich verdrücke mich aus dem Gespräch und aus dem Kreis der schönen und gebildeten Menschen. Kurz packt mich die Wut und ich will schnell Fehler an meinem Gegenüber aufzählen. Es klappt nicht, ich finde nichts und bemerke, wie albern es ist meine Unzufriedenheit auf andere zu projizieren und zum Arschloch zu werden. „Herzlichen Glückwunsch“ denke ich mir, als ich mir die Hände wasche, du bist wieder 16 und willst gerade dein Leben aufgeben um dich jetzt hier besser zu fühlen.

Nein um dazuzugehören zu denen dort draußen, zu den Schönen und Gebildeten.

Das recht dich zu lieben unglücklich sein happy sein selbstfindung

Ich muss eine Weile da stehen wie ein trauriges Etwas, bis die Schöne im Bunde neben mir steht und mich anblickt. Mir fällt nichts ein, mir ist nicht nach Smalltalk. Mir schießt nur sofort durch den Kopf, dass ich ihr gerade noch etwas Schlechtes andichten wollte um mein Ego aufzupeppeln. Ich erröte leicht und beginne mich zu schämen und will es wieder gutmachen. Doch um ihr ein Kompliment zu machen muss ich mich tatsächlich erst überwinden.

Der beste Weg aus dem Strudel des Selbstmitleids ist der Frontalangriff. Das Kompliment ist ernst gemeint, es ist die Wahrheit, sie soll es wissen und ich will ein guter Mensch sein.

Doch sie reagiert ganz anders als erwartet und als ich es vermutet hätte. Sie zweifelt an dem Look, an dem Event und fühlt sich unwohl. Alle so glatt, alle so gut, das ist nicht ihre Welt. Ich muss wohl leicht lächeln und sie hakt nach. Ich lasse es zu, hier auf der Damentoilette, zwischen Lippenstift und Hände waschen, dass sie jetzt mehr über mich und meine Zweifel erfahren wird. Ich erzähle ihr, was mich gerade bedrückt. Am Ende meines gefühlt ewigen Monologes stehen wir auf einmal zu viert in dem kleinen und nett mit Blumen geschmückten Vorraum der Damentoilette und erzählen uns unsere Zweifel. Sie klingen gleich, aber jede von uns betreffen sie anders.

 

Ich habe doch tatsächlich mit meinen albernen Zweifeln das Eis zwischen uns gebrochen. Diese ständigen Begleiter, unsere Selbstzweifel sind also doch für etwas zu gebrauchen. Man muss sie nur mit Menschen teilen um zu erkennen, dass wir alle das Recht haben uns unglücklich zu machen, aber auch die Pflicht uns so zu lieben wie wir sind. Ein paar Stunden später sitze ich in meinem Hotelzimmer und kann immer noch nicht fassen, wie schlimm der Abend anfing, aber wie wunderbar er endete. Wie gern ich mich selbst missverstehe und mich unbedingt nicht mögen will, so wie ich bin. Damit bin ich bestimmt nicht allein, oder?

 

Dich selbst zu kritisieren und dich selbst nicht gut zu finden, dir selbst die Messlatte ganz hoch zu legen, dazu hast du jeden Tag alles Recht der Welt. Du hast aber genau so jeden Tag die Pflicht, dich selbst zu akzeptieren, so wie du bist.

 

Alles Liebe

 

 

Kommentare

9 Kommentare zu “Das Recht dich nicht gut zu fühlen, die Pflicht dich zu lieben”
  1. Tanja sagt:

    Oh wer kennt das nicht!!! Passt die Kleidung, hätte ich nicht doch die anderen Schuhe…….wie schnell kann das Selbstwertgefühl ins bodenlose sinken!
    Schön das der Abend so ausgeklungen Ist! Erinnere Dich daran, wenn die Zweifel mal wieder zu mächtig werden.

    Halt die Ohren steif!

  2. Marion sagt:

    Liebe Franzi, genauso geht es mir oft, und genauso fühle ich mich sehr oft. Immer bin ich schlechter, kleiner, dümmer und schlechter angezogen als die anderen. Und dann sage ich mir wieder, was für ein Unsinn. Natürlich bin ich immer kritisch, vor allem mit mir selbst. Aber wir sollten uns alle einfach mal so sehen wie wir halt sind. Jeder hat Fehler, auch die die immer so toll aussehen und scheinbar alles können. Und jeder zweifelt mal an sich selbst. Man darf diesem Gefühl nur nicht zu viel Oberwasser geben 🙂

    Ganz liebe Grüße von Barbarella ♥

    https://barbarella149.wordpress.com

  3. Caro sagt:

    Manchmal komme ich vom Stöbern und Lesen in Blogs ab, aber immer wenn ich dann wieder Zeit dafür finde und bei dir lande liebe Franzi, suchte ich einen Artikel nach dem anderen haha.
    Ich denke so solls sein 🙂
    Liebe Grüße,
    Caro

  4. Rim sagt:

    Liebe Franzi,
    toller Beitrag!! Vielen Dank dass du deine Gedanken hier mit uns teilst. Darin habe ich mich selbst wiedergeginden.
    Lg

  5. Tina sagt:

    Liebe Franzi

    danke für den tollen Artikel! Ich denke, wären du und ich im selben Raum, wärst du für mich eine der Frauen die ich für viel schöner, erfolgreicher, beliebter usw halten würde. Dabei plagen uns eigentlich alle die gleichen Sorgen und Ängste. Eigentlich völlig absurd! Schön bist du so ehrlich zu uns. Und dabei wäre es so einfach: wir sollten uns gegenseitig einfach nur viel mehr Komplimente machen 🙂
    Apropos: Ich liebe deine Fotos und Kolumnen alle immer sehr!

    Liebe Grüsse Tina

  6. Iris sagt:

    Ich habe mich gerade so in den Worten dieser Situation wiedergefunden! Es ist wirklich beruhigend, zu wissen, dass jeder mit diesen Selbstzweifeln zu kämpfen hat, auch wenn man sie nicht bei jedem sofort erkennt. Wichtig ist eben letztendlich, was man mit solchen Gedanken anstellt – sich davon runterziehen lassen, oder das beste draus machen 🙂

  7. Bianca sagt:

    Danke, Franzi, für diesen ehrlichen Einblick. Von Dir als Bloggerin, zu der so viele andere Frauen (oft neidvoll) aufblicken. Und doch haben selbst die strahlendsten Frauen so viel Selbstzweifel inne.

  8. Anni sagt:

    Ich erkenne mich so wieder, leider viel zu sehr. Toll geschrieben!

  9. Katharina sagt:

    Ich glaube dieses Gefühl kennt jeder von uns. Dabei könnten wir doch so zufrieden sein mit dem, was wir haben. Für andere ist dieses innere Gefühl der Unzufriedenheit absolut unverständlich. Sie sehen nicht, wo der Makel sein soll. Ich erlebe auch oft, dass sie ungehalten reagieren, weil sie es nicht verstehen und es vermutlich als undankbar und überheblich empfinden. Aber kann man etwas gegen die eigenen Empfindungen? Ich glaube nicht. Manchmal hilft es sich in seinem Selbstmitleid ein wenig zu ergehen und Trübsal zu blasen. Aber irgendwann muss man auch wieder anfangen, das Positive wahrzunehmen und nicht alles so schwarz zu malen. Da kann ein Gespräch mit jemandem, der ähnlich empfindet ganz sicher helfen. Man ist damit auf jeden Fall nicht allein!
    Liebste Grüße
    Katharina
    Some Kind of Fashion

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