Kolumne

3 Frauen 3 Meinungen: Habe ich zu hohe Erwartungen?

20. August 2017 • 4 Kommentare

Wir erträumen uns gern unser Leben. Wir planen gedanklich voraus und haben Wünsche und Vorstellungen, die gern real werden dürfen.

welche erwartungen habe ich was will ich vom leben und meinem Umfeld haben

 


Doch ist es möglich, dass wir bei all unseren Wünschen manchmal über das Ziel hinausschießen? Dass wir uns ein Bild zusammenstellen, dem andere nicht mehr gerecht werden können? Haben wir oft genug zu hohe Erwartungen an andere, weil wir es uns nun einmal so vorgestellt haben? Oder hatten wir immer nur das falsche Ziel im Blick?

Drei Frauen 3 Meinungen zum Thema – Habe ich zu hohe Erwartungen?

Frau Nummer eins, Single seit 4 Jahren. 29 Jahre alt

Ich habe genaue Vorstellungen von meinem zukünftigen Freund. Ja ich bin Single. Ja es gibt diesen Mann noch nicht in meinem Leben, Überraschung! Ich bin in jetzt in einem gewissen Alter, in dem ich nicht mehr all zu viele Abstriche machen kann, besser gesagt machen will. Wenn du mit Ende zwanzig Single bist, kannst du über viele Macken hinwegsehen. Ich bin ja selbst nicht perfekt. Aber bestimmte Eigenschaften müssen einfach vorhanden sein. Ich würde mich nicht mehr mit einem

„dauerstudierenden, sich auf der Suche nach sich selbst verlorenen, am Wochenende immer etwas mit den Jungs machen müssenden“

Kerl einlassen. Ich will niemanden, der gerade so seine Miete zahlen kann, der nur daran interessiert ist seinen Trizeps drei Zentimeter breiter zu pumpen als sein bester Kumpel, niemanden der nicht mit mir in den Urlaub kann, weil die Arbeit, Freunde, Sport und Hobbies wichtiger sind. Der ungern ausgeht, keine Ahnung von Technik oder Baumarkteinkäufen hat und ständig nur rumsitzen will. Ich will viel. Ich will den Mann in meinem Leben, mit dem ich meine Zukunft planen kann. Ich will lieben, geliebt werden und an die Zukunft mit ihm denken können. Er soll nicht Reißaus nehmen wenn ich über Kinder spreche, er soll nicht die Augen verdrehen, wenn es um Hochzeit geht. Ich will einen offenen, gut gelaunten cleveren Mann, der im Leben steht und weiß was er will. Keinen Ja- Sager, keiner der mir über den Mund fährt, keiner der eigentlich  nicht wirkliche Interessen hat.

Wenn ich das hier so tippe, denke ich mir an guten Tagen, dass es machbar ist. An schlechten Tagen, dass ich zu viele Erwartungen habe und Abstriche machen muss. Sind meine Erwartungen zu hoch? Verlange ich zu viel von dem Mann, den es noch nicht in meinem Leben gibt? Aber wieso sollte man sich im Leben mit etwas zufrieden geben, das einem nur zu einem kleinen Prozentsatz entspricht, oder nur geradeso in die eigenen Vorstellungen passt?

Muss ich meine Wünsche anpassen? An den schlechten Tagen denke ich genau das- meine Erwartungen sind zu hoch und vielleicht entspreche ich ihnen nicht.


Frau Nummer zwei, endlich glücklich mit ihrer Familie

Früher habe ich meine Freundinnen beneidet, vor allem in der Schulzeit und später auch ab und an im Studium. Wenn Eltern von außen betrachtet das perfekte Leben führen und ihren Kindern alles bieten können. Kennt ihr diesen Familienneid? Ich hatte ihn. Denn meine Familie konnte es sich nicht leisten in einem großen neugebauten Haus mit Pool zu wohnen. Wir hatten keine zwei Autos, ich hatte keinen großen Bruder, der der Liebling aller Mädels war und ich hatte nie die neuesten Sachen am Start. Ich komme aus einem kleinen Dorf, meine Eltern mussten sich immer für mich und meine Schwester krumm arbeiten, damit wir überhaupt dem Anspruch einiger Klassenkameraden entsprachen. Mein Schulranzen war no Name, meine Kleidung öfter mal aus zweiter Hand und auch gern vom Wühltisch oder meiner großen Schwester vererbt. Ich habe mich immer als weniger wert empfunden und gab dafür auch oft meiner Familie die Schuld. Ich wollte genau so leben wie die anderen, hatte genau solche Erwartungen wie meine Klassenkameradinnen, wurde aber immer wieder enttäuscht. Bis in mein Studium hinein, bei dem ich drei Nebenjobs und ein 10 Quadratmeter Zimmer bewohnen durfte, konnte ich die Enttäuschung gegenüber meiner Familie nie so richtig verbergen. Erst als ich fertig wurde und in das Berufsleben einstieg, wurde mir bewusst wie bescheuert meine Erwartungen waren und wie hoch und falsch ich sie ausgerichtet hatte. Denn ich hatte als einzige aus der Familie die Möglichkeit zu studieren, einen guten Abschluss zu erreichen und einen Job anzunehmen, mit dem ich jetzt hervorragend leben kann. Ich habe gar nicht bemerkt, wie mir meine Eltern versucht haben, ein besseres Leben zu ermöglichen als sie selbst je hatten. Wie sie geschuftet haben, damit ich das Gymnasium und meinen Master schaffe, um dann eben später von meinem eigenen Kind nicht mit einem enttäuschten Blick bestraft zu werden, weil es doch keine Levis Jeans zum Geburtstag gab. Ich kann jetzt besser leben als vorher, besser als meine Eltern es je konnten und das nur, weil sie jahrelang für mich und meine Schwester zurückgesteckt haben.

Ich schäme mich heute manchmal noch für mein Verhalten und meine seltsam dämlichen hohen Erwartungen an meine Eltern. Dieses Verhalten haben sie mir auch einfach so verziehen.


Frau Nummer drei, hat jetzt eine Freundin weniger

Freundschaften müssen viel aushalten, Freundschaften gehen durch dick und dünn. Das Freundschaften aber auch völlig einseitig sein können, habe ich jetzt erkennen können. Ich muss wohl der naivste Mensch auf Erden und so treudoof wie ein alter Haushund sein.

Ich bin der letzten Freundschaft wirklich Jahre hinterhergelaufen ohne es nur einmal zu bemerken. Ich habe alles gegeben und eigentlich nichts zurückbekommen.

Es fing im Studium an und endete vor ein paar Monaten von meiner Seite aus, weil ich es jetzt endlich begriffen habe. Weil ich jetzt weiß, dass Freundschaft mehr sein muss als bei jedem Streit meine Fehler zuzugeben, immer SMS hinterher zu senden und ihre Launen auszuhalten. Ich organisierte ihr Leben mit und wenn etwas schief lief, bekam ich noch den Ärger ab. Ich dachte mir aber immer: Irgendwie bekomme ich das schon auf die eine oder andere Art zurück. Schön doof, oder? Immerhin waren wir seit über acht Jahren Freunde, durch dick und dünn. Ihr Leben war eben mehr Drama, lauter und wilder. Meins war gediegen und geordnet, somit hatte ich mehr Zeit mich mit ihr zu beschäftigen. Ich stand Nachts vor ihrer Tür, wenn es um Liebeskummer ging. Ich hasste die gleichen Leute wie sie, weil man das ja so machte für eine lange und intensive Freundschaft. Ich sagte Dates und manchmal eine Familienfeier ab, oder nahm sie überall mit hin. Sie war wie meine Freundin, große Liebe und Familie. Sie war mein Mittelpunkt, ich habe sie dazu gemacht und sie hat sich daran gewöhnt. Wir hatten Streitereien, bei denen ich immer nachgab. Wir haben uns gegenseitig Geld geliehen, was ich nie wieder sah. Sie hatte durch mich einen Job bekommen, Männer gedatet und alles wieder fallen lassen. Sie war irgendwie das Leben, was ich nie geführt hatte, aber ich war immerhin ein Teil davon. Bis ich jemanden traf, der mich fragte wieso wir überhaupt befreundet seien und was ich für Erwartungen an Freundschaften hätte. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte keine Erwartungen, denn in dieser Freundschaft gab es gar keinen Platz für mich und meine Befindlichkeiten.

Ich habe mir nach diesem Gespräch vorgenommen meine Erwartungen höher zu schrauben. Nach ein paar Wochen gab es unsere Freundschaft offiziell nicht mehr und ich bin glücklich. Hätte ich das nicht eher lernen können? Hätte ich mich nicht eher fragen sollen, was für Erwartungen ich an eine Freundschaft stelle?

 

Sind deine Erwartungen zu hoch?

Kommentare

4 Kommentare zu “3 Frauen 3 Meinungen: Habe ich zu hohe Erwartungen?”
  1. Barbarella sagt:

    Liebe Franzi,

    ich muss sagen, ich bin gerade auch in einer Phase, in der mir klar wird, dass ich viel zu hohe Erwartungen hatte, und eigentlich immer noch habe. Das Leben hat mir bei einigen dieser Vorstellungen bereits gezeigt, dass es Grenzen gibt, über die ich nicht hinwegkommen werde. Es ist sehr schwer, sich von seinen Idealen und Vorstellungen zu trennen und Kompromisse zu machen. Mit Frau Nummer 1 kann ich mich identifizieren. Auch ich habe leider so hohe Ansprüche an meinen Traumpartner, dass ich ihn bis jetzt noch nicht gefunden habe. Ich mache mir oft selbst Vorwürfe deswegen. Aber man kann nicht aus seiner Haut, man ist eben so. Ich denke auch, dass man seinen Idealen schon durchaus treu bleiben kann und darf. Auch wenn man sich damit oft selbst einen Stock zwischen die Beine wirft. Aber sich selbst etwas vorzumachen, hat ja auch wieder keinen Sinn.

    Liebe Grüße, Barbarella <3

    https://barbarella149.wordpress.com

  2. Iris sagt:

    Bei Frau Nummer eins finde ich, dass sie keine zu großen Erwartungen an die Männer hat, sondern ziemlich vernünftige. Schließlich geht man eine Beziehung ein, um mit dieser Person sein Leben zu teilen und mit ihm Zeit zu verbringen. Wie soll das funktionieren, wenn die Interessen in komplett andere Richtungen gehen, und man weiß, dass das ganze keine Zukunft hat. Ich kann es aber auch nachempfinden, dass sie ihre Erwartungen an schlechten Tagen anzweifelt, schließlich ist es auch normal, dass man eben auch sich hinterfragt. Ich glaube, wichtig bleibt es, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, warum man denn eine Beziehung mit jemand eingeht. Man tut das nämlich nicht, um sich komplett zu verbiegen, nur um zu sagen, dass man kein Single mehr ist.

  3. immer noch meine lieblingskolumne. identifizieren kann ich mich hier jedes mal, treffend sind aber vor allem #2 und #3. der familienneid wäre mir nie über die lippen gekommen, aber er war da, das kann ich mir auch nicht schönreden. aber auch das umdenken kam, wie so oft, mit dem alter.
    auch bei freundschaften zog ich meine lehre draus: nur aus nostalgie muss man nicht befreundet sein.

  4. Vera sagt:

    Bei zu hohen Erwartungen wird man oft enttäuscht: Aktuelles Beispiel eine Szene in meiner Lieblingsserie, ich hatte mich so auf die neue Folge gefreut, und hatte die Szene im Geiste durchgespielt, durchdacht und war ganz gespannt, wie es weitergehen würde: Aber dann war es nichts besonderes, romantisch ja, es war herzzerreißend, ich konnte mitfühlen, und es endete, wie es enden musste. Es war alles da, was ich erwartet hatte, und trotzdem blieb ich danach mit einem enttäuschten Gefühl auf dem Sofa zurück. Hatte ich mich selbst gespoilert? Hatte ich zu viel von dieser Szene erwartet? Was war in meinen Gefühlen und in meinen Gedanken anders gewesen, als das was ich letztendlich tatsächlich gesehen hatte? Hätten die Schauspieler mehr Gefühl in dieser Szene zeigen müssen? Hätte das Ende anders aussehen sollen? Hätte der Auslöser wie es zu dieser Szene kam, anders aussehen müssen? Hatte ich im Vorfeld doch zu viel erwartet?
    Erwartungen, Wünsche, Ansprüche und Vorstellungen unterscheiden sich meistens erheblich von der Realität! Das zeigt doch ganz deutlich, dass wir uns die Gelegenheiten unvoreingenommen zu sein, die Möglichkeiten ungespoilert zu bleiben, die Idee ohne konkrete Vorstellungen und Wünsche uns auf Neues einzulassen, nie verlieren dürfen. Wir müssen offen bleiben für alles was uns begegnet, wir müssen mit einem freien Geist ohne viele Erwartungen oder Ansprüche an diese Welt und andere Menschen oder bestimmte Situationen herangehen! Sonst werden wir allzu leicht enttäuscht, sonst werden wir allzu leicht verletzt, sonst schließen wir großartige Dinge von vorn herein kategorisch aus, die ihren ganz eigenen Reiz entwickeln, ihre ganz eigenen innewohnenden Gesetze haben, Menschen die uns inspirieren, die uns fremd sind und unser Leben bereichern, Geschmäcker, die uns unbekannt sind, Kulturen, die es zu entdecken lohnt, weil es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als wir uns vorstellen können! Ich schraube dann mal meine Erwartungen wieder runter! Danke, dass Du mich daran erinnert hast, offenen Herzens zu bleiben, neugierig, unvoreingenommen und ungespoilert.

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