Kolumne

3 Frauen 3 Meinungen: Die Chance verpasst, die richtige Entscheidung zu treffen

30. Juli 2017 • 11 Kommentare

Chance verpasst. Wenn wir das Leben an dem Punkt erwischen, an dem alles still steht und wir uns entscheiden müssen
welchen Weg gehen wir. Trauen wir uns, sind wir mutig, waghalsig oder bleiben wir doch an sicheren Ufern?

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Sollten wir ausbrechen und alles über Bord werfen weil uns ein Gefühl gerade nicht mehr loslässt, oder doch abwarten? Was ist, wenn das Warten sich nicht gelohnt hat, was wenn wir die Chance die uns gegeben wurde, nicht richtig genutzt haben?
Was ist deine verpasste Chance?

Drei Frauen, drei Meinungen zum Thema: Ich habe den richtigen Zeitpunkt verpasst. Ich habe meine Chance verpasst, die richtige Entscheidung für mich zu wählen.

Frau Nummer eins verlor die Chance auf eine lange Freundschaft

Ich denke oft an diesen einen Tag zurück, der wie alle anderen anfing und wie alle anderen aufhörte. An diesem Tag habe ich mich für eine Seite entschieden. Wenn man das so sagen kann. Wir alle machen Phasen durch. Wir alle sind mal nicht so nett, testen unsere Grenzen aus und müssen einsehen, dass wir etwas falsch gemacht haben. Ich wusste nach diesem Tag, dass ich diese Chance hätte nutzen sollen.

Einfach weil sie meine Freundin war.

Wir wuchsen fast nebeneinander auf, waren fast wie Schwestern im fast gleichen Alter. Sie ist zwei Jahre jünger, zarter, naiver. Ich musste sie damals schon immer ein wenig beschützen. Aber es machte mir Spaß die große Schwester zu spielen. Die, die etwas zu sagen hatte und die, die immer jemanden an ihrer Seite wusste, der ihr an den Lippen hing und alles glaubte. Wir gingen auf die gleiche Schule, hatten den gleichen Heimweg, waren uns wie immer fast gleich. Nur sie war ruhiger und etwas unangepasster. Ich würde heute rückblickend sagen, sie war das klassische Außenseiterkind. Niemand redet offen darüber, aber wir Menschen fangen früh an uns Gleichgesinnte zu suchen und trennen uns oft unfein von jenen, die nicht in unsere Vorstellung vom Leben passen. An einem sonnigen Tag habe ich das getan. Ich will gar nicht um den heißen Brei reden. Ich habe meine kleine Freundin stehen gelassen. Ich habe das Hänseln ignoriert und bin allein nach Hause. Habe nicht mehr die große Schwester gespielt, denn sie war mir peinlich. Auf einmal war sie mir ein nerviges Anhängsel. Klein und unbeholfen rannte sie mir immer hinterher. Der Klassiker, wie im Film. Ich wollte meine Ruhe, ich wollte zu den anderen gehören. Da war kein Platz mehr für das Nachbarskind mit dem Ruf „Dachschaden“. Ich habe mich entschieden sie allein zu lassen und meinen Weg zu gehen. Ich radierte sie einfach aus, ignorierte sie und lachte manchmal sogar mit, anstatt die Chance zu ergreifen und zu ihr zu stehen. Ich ließ sie stehen, allein. Unterbewusst muss ich gewusst haben, das es ist ein Fehler war, unterbewusst habe ich all die Jahre diese eine Schulhof Szene im Kopf.  Manchmal male ich mir aus, dass ich mutig genug gewesen wäre und ihr geholfen, mich vor sie gestellt und sie verteidigt hätte. Aber ich war doch zu feige und ging weiter. Ich habe nicht einmal zurückgeblickt, nicht einmal innegehalten und innerlich mit mir um ein richtiges Verhalten gekämpft. Ich wollte nur nach Hause.

Ich habe meine Chance verpasst einem Menschen zu helfen, den ich sehr mochte. Vielleicht aus Angst, vielleicht weil ich nicht wusste wie. Aber ich hätte es versuchen können. Vielleicht kann ich es irgendwann wieder gut machen, vielleicht erinnert sie sich nicht mehr so genau an diese eine Sache wie ich.

 

Frau Nummer zwei verlor die Chance auf die Liebe

Mittelschwere Krisen bin ich gewohnt. Ich kann mit allem umgehen, dachte ich. Ich habe aber gerade das erlebt, was ich mir selbst nie zugetraut hätte. Ich habe es vermasselt. Ich habe einen Menschen in meinem Leben so vor den Kopf gestoßen, dass er jetzt wohl nicht mehr viel von mir halten wird. Ich würde es zumindest genau so sehen und fühlen. Ich kann ihn verstehen, ich kann sein Abwenden von mir absolut nachvollziehen, aber ich leide extrem darunter und ich kann nur mir die Schuld dafür geben. Ich allein habe es versaut, ich allein darf mich jetzt vielleicht für immer dafür hassen. Ich tippe und heule, ich rede und heule, ich sehe mir sein Profil im Netz an und muss heulen. Denn er scheint jetzt glücklicher ohne mich zu sein. Dabei sollte es doch andersherum laufen. Er sollte natürlich nicht unglücklich werden, aber ich wollte noch mehr erfahren und erleben. Ich wollte das jetzt sein, lachend, frisch verliebt und glücklich. Ich weiß nicht warum ich dachte ich könne mehr haben, warum ich dachte, dass da noch etwas Besseres auf mich wartet und ich noch glücklicher sein könnte. Ich date den Typen der mir regelmäßig schreibt, wenn ich nachts wieder um die Häuser ziehe und einfach lebe, anstatt auf der Couch mit ihm in seiner Wohnung zu versauern.

Ich wollte nicht schon da sein, wo meine Mutter mich gern sieht.

Ich wollte frei reisen, frei leben und noch einmal schauen was die Welt so für mich übrig hat. Ich dachte, er wird das schon verstehen, auf mich warten und es akzeptieren. Immerhin waren wir lange genug zusammen um eine Auszeit zu nehmen und zu schauen, was dann aus uns wird.
Zumindest klang das für mich in unserem letzten intensiven Gespräch genau so. Er hatte absolutes Verständnis, wollte sich auf meinen Wunsch auch einlassen und ich war glücklich. Glücklich genug um meine Tasche zu packen, bei einer Freundin einzuziehen und einen neuen Lebensabschnitt auf Probe ohne ihn zu testen. Ich dachte, damit wären wir fein. Ich dachte die Nachricht die er mir auf das Band sprach, fünf Tage nach unserem Gespräch, war ein ungewollter Gefühlsausbruch und nicht all zu ernst zu nehmen. Doch ich hätte genau hinhören sollen. Ich hätte seiner Bitte nach einem zweiten Gespräch nachgehen müssen.
Doch ich war viel zu viel damit beschäftigt, mich um meine Bedürfnisse zu kümmern und all das nachzuholen, was ich mir selbst jahrelang wegen ihm verboten hatte. Jetzt, nachdem ich erkannt habe, was ich wirklich will, ist es zu spät. Ich liege jede Nacht wach und höre mir seine Sprachnachricht an. Jedes Mal erkenne ich darin mehr, wie er um mich und um uns kämpfen wollte.

Acht Monate, vier Tage und elf Stunden ist es jetzt her, dass er auf mich reagiert hat, dass er mich blockiert hat, eine neue Nummer und Freundin an seiner Seite hat. Sie sehen glücklich aus. Das hätte ich sein können. Wenn ich die Chance die er mir gab nur genutzt hätte.

Frau Nummer drei hatte vielleicht nie eine Chance

Habe ich die Chance verpasst ein Kind zu bekommen? Ich bin kinderlos und weiß bis heute nicht, ob ich je die Chance hatte und sie überhaupt wollte. Es lag nicht an den richtigen Partnern, ich vermute es lag viel mehr daran, dass ich mir über diese Chance nie Gedanken gemacht habe. Für mich war jeder neue Lebensabschnitt immer eine Herausforderung und ich wollte mich nicht mit mehr belasten.

Ich hatte nie das Gefühl, es würde jetzt passen oder jetzt müsste es sein. Ich verschwendete keinen Gedanken daran eine Familie zu gründen.

Im Studium war es mir unmöglich, Zeit und Konzentration für ein kleines menschliches Wesen aufzubringen. Ich hätte mich nicht teilen können, ich hätte es emotional nicht ausgehalten und ich hätte nicht so viel reisen können. Ich wollte eben auch mehr von der Welt sehen. Ich war viel unterwegs und fühlte mich frei. Mal mit neuer Liebe, mal mit einer vergangenen, oder ganz allein. Es stellte sich mir nie die Frage, ob es jetzt der richtige Zeitpunkt wäre. Da gab es kein Ja in meinem Kopf. Nicht einmal die Frage kam auf. Nach dem Studium zog ich für zwei Jahre ins Ausland, verliebte mich, lebte dort drei Jahre länger als geplant und zog nach dem Aus der Beziehung einem neuen Job hinterher. Ich lernte Männer kennen, mit denen ich mir alles hätte vorstellen können, ich lebte in langen Beziehungen, auf einem Bauernhof und mitten in der Stadt, um letztendlich wieder zurück in meinem Heimatdorf zu landen. Ich war überall verstreut und nie richtig fest verankert.

Irgendwann wird man ja sesshaft, sagt man. Dann kommt der Wunsch nach mehr Ruhe, Liebe und Familienzuwachs.

Blicke ich zurück glaube ich, dass dieses Gefühl ein oder mehrmals doch aufkam. Dennoch habe ich es nie so wahrgenommen oder mich bewusst damit auseinander-gesetzt. Es ging immer weiter. Die Liebe kam und ging und ich nahm mir nie die Zeit darüber nachzudenken, ob ich überhaupt eine Familie will, oder es mir vorstellen könnte. Irgendwann, zwischen neuer Beziehung und eigenem Haus, habe ich mich doch gefragt ob mir etwas fehlt. Ob ich es mir vorstellen kann, dass eine Miniatur in Form eines echten Lebewesens mich glücklicher machen könnte, dass mich endlich zu mir selbst finden lässt und mir endlich sagt, dass ich angekommen bin. Da war ich 47. Da wusste ich noch nicht, dass es für Kinder zu spät sein könnte, dass ich nie die biologische Chance hatte, Mutter zu werden. Ich habe erfahren, dass ich nie Kinder bekommen könnte. Jetzt weiß ich es und ich überlege die ganze Zeit, ob ich nur meine Chance verpasst habe, oder ob ich nie eine hatte. Und ob ich es ganz tief in meinem Inneren immer wusste.

 

Alles Liebe

Kommentare

11 Kommentare zu “3 Frauen 3 Meinungen: Die Chance verpasst, die richtige Entscheidung zu treffen”
  1. Sophie sagt:

    Schöner Artikel! Obwohl ich mir schwer zu das zu lesen, weil ich nicht an „verpasste Chancen“ glaube. Ich lebe nach dem Motto, wo eine Türe zugeht, geht die Nächste auf. Und bin jetzt fahre ich auch ganz gut damit.
    An die Dame Nummer Zwei möchte ich sagen, dass sie bitte nicht trauern soll. Auch wenn sie jetzt erst sieht, was sie an ihm hatte, so hätte sie das in der Beziehung nie gesehen und es hat diesen Schritt einfach gebraucht. Auch wenn es jetzt vlt hart für sie ist. Es kommen auch wieder bessere/ schönere Zeiten und dann wird sie auf die Zeit mit einem Lächeln zurück sehen. Und ich sag das, obwohl ich grad erst vor Kurzem auf der anderen Seite stand. Ich schick ihr eine virtuelle Umarmung und möchte ihr sagen „alles wird Gut“.
    Danke für den Artikel! Sehr interessant zu lesen!

  2. kati sagt:

    ich lese diese posts wirklich super gerne und auch dieser war wieder sehr interessant!:)
    liebst kati

  3. Silke sagt:

    Toller Beitrag!
    Ich hatte wirklich Tränen in den Augen. Ich kann das so gut nachvollziehen und verpasste Chancen gibt es in meinem Leben auch genug. Manchmal war man einfach zu faul sie zu ergreifen und manchmal zu blind sie zu sehen. Was bleibt ist immer die Trauer darüber, dass man es vergeigt hat und das man sich eingestehen muss, dass es für manche Dinge einfach keine zweite Chance gibt! LG Silke

  4. LIsa sagt:

    Ich mag diese Reihe auf deinem Blog sehr gerne und finde es echt spannend ein Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet zu sehen.

  5. Barbarella sagt:

    Ein sehr schöner und ehrlicher Beitrag, der mir beim Lesen sehr zu Herzen ging. Denn ich kann mich sehr gut mit diesem Problem identifizieren. Auch ich habe so einige verpasste Chancen im Leben, von denen ich die meisten wohl nie mehr werde gutmachen können. Das Resultat trägt man dann sein Leben lang mit sich herum. Der eine wird gut damit fertig, der andere hadert ständig damit. Ich glaube manchmal, dass ich zur letzten Gruppe gehöre. Obwohl es doch besser wäre, wenn ich diese leidigen Kapitel endlich hinter mir lassen würde. Aber wie es oft so ist im Leben – man kann es einfach nicht. Leider…

    Ganz liebe Grüße, Barbarella <3

    https://barbarella149.wordpress.com

  6. Iris sagt:

    Du hast da wieder einen wundervollen Beitrag geschrieben! Ich denke mir auch ab und zu, ob ich in der Vergangenheit nicht einige Entscheidungen anders hätte treffen sollen, doch blicke ich jetzt auf meinen bereits gegangenen Weg zurück, denke ich, dass alles seinen Sinn hat und sobald eine Tür zufällt, geht eine neue auf.

  7. Anna sagt:

    Ein schöner Artikel, der nachdenklich stimmt.
    An solche Punkte im Leben kommt wohl jeder… manchmal hätte ich dann gern eine Zauberkugel, die mir in den Situationen die Zukunft zeigt, in der Hoffnung, dass sich doch noch eine andere, aber ebenso schöne Türe geöffnet hat.

    Danke für Deine Texte, Zukkermädchen! Ich freu mich immer sehr über Deine neuen Beiträge!

  8. Doro sagt:

    Wunderschöner Artikel, der vor allem Mut macht. Mut, die Dinge doch anzugehen oder ins Reine zu bringen und seine Chance zu nutzen! Ich weiß es braucht dafür viel Mut – ich hab mich entschieden es nicht als Tragödie anzusehen, dass mein Vertag bei meinem aktuellen Job nicht verlängert wird. Ich nutze das und mache endlich meinen Traum wahr und reise ein paar Monate durch Schottland. Alleine. In einem Monat gehts los!

  9. Mrs Unicorn sagt:

    Ein toller Artikel. Ich fühle sehr mit Frau Nummer 2, weil auch ich vielleicht meine Chance verloren habe. „Vielleicht“ weil alles im Leben einen Sinn hat. Und wenn ich jetzt noch so traurig bin, hoffe ich, dass ich eines Tages auf diese zeit zurück blicken kann und mit einem neuen Partner sehr glücklich sein werde, den ich nicht getroffen hätte, wenn es jetzt nicht diese Zeit geben würden.

    Liebe Grüße und noch eine traumhafte Woche.
    Celine von http://mrsunicorn.de

  10. Neele sagt:

    So ein toller Beitrag und zugleich trauriger Beitrag… Vielen Dank dafür. Irgendwie bewegt mich die dritte Geschichte am meisten… Ich glaube jedoch an Bestimmung und Schicksal und dass alles irgendwie oder irgendwann doch so kommt, wie es kommen soll. Vielleicht gilt das auch in diesem Fall.

    Alles Liebe, Neele

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