Kolumne

The Beauty and the Beast

19. Juni 2015 • 11 Kommentare

„Es gibt immer ein Pro und Kontra. Die guten Dinge, die du siehst und erfährst – die Vorzüge für dich und dein Leben und die negativen Seiten, das Leid und die Armut anderer. Es gibt sie immer, diese zwei Seiten.“ Erzählt er mir, während ich mir noch einmal Tee nachgießen möchte und es mir sofort von einer der netten und schon fast viel zuvorkommenden Hotelmitarbeiterinnen abgenommen wird.

The Beauty and the Beast

So ist es wohl auch hier in Abu Dhabi, denke ich mir im Stillen. Ich stehe auf der anderen Seite. Genieße den Luxus und kann die Seele baumeln lassen. Wenn ich Bilder im Sekundentakt nach Hause an meine Liebsten schicke, und sie neidische Smileys in unsere WhatsApp- Gruppe senden. Genau das ist der Knackpunkt. Kann ich all den Luxus genießen, kann ich all das Geld, dass ich zu Hause verdiene, hier ohne ein schlechtes Gewissen ausgeben? Ohne an die zu denken, die mir täglich die Tür öffnen, das Frühstück zubereiten, diese Häuser in all ihrer unendlich unvorstellbaren Höhe erbaut haben? Es gelingt uns immer schnell die Armut von weit weg zu bedauern, da nehme ich mich nicht aus. Die armen Kinder, die armen Mütter, die armen Familien, gehen in ein Land, in eine Stadt, die Reichtum und Glück verspricht und am Ende arbeiten sie nur für meinen Urlaub. Für mein Wohlbefinden, für mein Geld. Ich lehne mich nach vorn zu ihm und flüstere: „Ich komme mir schlecht vor. Ich habe in Deutschland das Gefühl ich arbeite hart für mein Geld, hier in diesem Land komme ich mir jedoch einfach nur lächerlich vor, mit meinen Wehwehchen, meinen Beschwerden, meiner German Gründlichkeit.“ Er zuckt mit den Schultern und antwortet: „So ist das Leben, es wird immer jemanden geben der für dich und dein Wohlbefinden arbeiten muss. Sei es deine Kleidung, dein Essen, dein Benzin oder für deinen Urlaub.“ Ich blicke auf den Boden und ertappe mich schon wieder, wie ich nur an mich und mein Unwohlsein denke. Vielleicht ist das Bewusstsein, die offenen Augen und das Hinterfragen, der erste Schritt von vielen?

Ich habe den Urlaub in Abu Dhabi genossen, möchte aber trotzdem nicht behaupten: Es ist alles Gold, was glänzt. Hier, in den Golfstaaten, in Abu Dhabi entwickelt sich eine Zukunftsstadt so schnell, dass die Bedingungen für die Menschen nicht hinterher kommen. Dass Arbeiter ausgebeutet werden, um Luxus für andere zu schaffen. Fast 20% der Arbeiter hier leben unterhalb der Armutsgrenze und werden in schweren Jobs auf dem Bau oder in der Straßenreinigung für Hungerlöhne angestellt.Darüber müssen wir auch sprechen.

Wie geht ihr damit um? Was wäre eine gute Alternative? Diese Länder meiden? Darüber reden?
Lasst es mich wissen!

Mein Gesprächspartner lebt seit 12 Jahren in Abu Dhabi. Er kam aus der Ukraine hierher, um ein besseres Leben zu haben. Er ist zufrieden.“

Kommentare

11 Kommentare zu “The Beauty and the Beast”
  1. Madlèn sagt:

    Die Frage ist, ob man an seinen Gewohnheiten dann vielleicht etwas ändert und nicht in solche Hotels reist? Das ist natürlich schwierig bzw. will ich da nicht urteilen, aber welche Konsequenz zieht man aus solchen Erfahrungen, Franzi?

    Liebe Grüße

    Madlen

    • Madlèn sagt:

      Also hat du welche gezogen? Ich würde schauen das ich andere Übernachtungsmöglichkeiten suche oder eventuell auch ein anderes Reiseziel fernab von Bettenhochburg 😉

    • Franzi sagt:

      Das ist ja meine Frage: was machen wir? Wie gehen wir damit um und sollte man dann Länder wie die Golfstaaten oder die Türkei oder Ägypten meiden? Kann man seinen Urlaub trotzdem dort verbringen oder verbannen wir das alles und Reisen an die Nordsee um es ganz flach zu fragen? Ist das verständlich formuliert?

      Liebe Grüße

  2. Tati sagt:

    Wenn du dich dabei nicht wohlfühlst, ja, bitte mach woanders Urlaub. Dann unterstütz lieber ein kleines Bed&Breakfast, wo man sich nicht vorkommt wie die Hausherrin zwischen Bediensteten.

    Ich werde nicht gerne so betüddelt und bin lieber per du mit den Angestellten. Ungleichgewicht gibt es immer, da hat dein Gesprächspartner recht, aber wenn man dabei ein schlechtes Gewissen hat, sollte man da auch was gegen tun, ist meine Meinung. Ignorante Menschen, die gar nicht erst daran denken, gibt es genug.

    • Franzi sagt:

      Hey ja das stimmt – aber ein bed & Breakfast gibt es nicht in jedem Land – es geht mit da auch nicht um das „betüddelt“ werden. Ich rede davon, dass wir alle oft Urlaub in Ländern auf Kosten anderer machen. Das macht mir Sorgen … Daher stelle ich mir die Frage, wo und wie man noch mit gutem Gewissen Urlaub machen kann. Versteht man meine Aussage?

  3. Anonymous sagt:

    Also ich finde die Worte die der Herr gesagt hat richtig „es wird immer jemanden geben…“ Stell Dir vor Du reist nicht dorthin und die Menschen die nun eh schon nicht so viel haben, erhalten gar keine Möglichkeit mehr ihr Geld zu verdienen oder nur unter noch schlechteren Bedingungen. Es gibt keine Pauschale Lösung denke ich. Du kannst nicht die Arbeitsbedingungen verändern, Du könntest dieses Land meiden, oder das Hotel oder das Restaurant, aber damit ist wahrscheinlich keinem geholfen. Es mag ein wirklich schlechter Vergleich sein, aber denk mal an Schindlers Liste: er „schwamm scheinbar mit“, doch sein Ziel war Veränderung und helfen wo er kann. Wenn Du das nächste Mal in eines dieser Länder reist, oder in solch ein Hotel, dannn kauf Dir vielleicht eine Tasche, ein Souvenier oder auch nur einen Cocktail weniger und gib lieber mehr Trinkgeld, oder kauf von jemandem der einen kleinen Laden hat etwas, da hat dieser was von und Du hast ein nettes Andenken. Es gibt viele Wege, wichtig ist sich bewußt zu sein welches Glück man hat und welchen Luxus man genießen kann…

    • Franzi sagt:

      Hey, da hast du vollkommen Recht. Ich bin immer am schwanken – wie man allem gerecht werden kann, weil vor allem auch hier schon zu einem Beitrag über diese Stadt Kommentare kamen, die ich nachvollziehen konnte – aber keinen Lösungsvorschlag hatten. Ich versuche immer einen Mittelweg zu finden. Ich gebe immer Trinkgeld und bin höflich und versuche immer auch die regionalen Lokalitäten mit zu unterstützen. Ich finde die Entwicklung in diesem Land so spannend – aber die andere Seite will ich da auch nicht ausblenden. Danke für deinen Kommentar.

      Liebe Grüße

  4. Bwechen sagt:

    Auch an der Nordsee arbeitet jemand für dein Wohlbefinden, auch wenn du in einer Ferienwohnung wohnst. Wichtig ist doch, wie man diejenigen behandelt. Allein mit einem freundlichen und anerkennenden Lächeln kann man jemanden auf Augenhöhe begegnen.

  5. Hallo Franzi,
    ich kann Deine Gedanken sehr gut nachvollziehen. In so einer Situation geht mir auch immer wieder so etwas durch den Kopf. Wir gönnen uns ab und zu ein bisschen Luxus, und woanders verhungern Menschen. Da kann man schon ein schlechtes Gewissen bekommen. Ich sehe es so: Es ist schon mal (leider!) überhaupt nicht selbstverständlich, dass wir (die „privilegierteren“ Menschen“) überhaupt darüber nachdenken. Viele Menschen an unserer Stelle ignorieren die Armut an anderen Stellen, die Missstände, die in der Welt existieren. Das bezieht sich ja auf sovieles, und nicht nur im Bereich der Menschen, sondern auch der Tiere, Wirtschaft usw.
    Ich finde, wir, die darüber nachdenken, sollten dafür einen Beitrag tun. Manche Menschen sind extrem und geben alles auf, um anderen zu helfen, was auf die Beine zu stellen, oder aus Solidarität auf Luxus verzichten. Andere, so wie ich, genießen unsereren „Luxus“ (das ist auch ein Begriff, der viel Interpretatsionsraum bietet) wirklich bewusst, gönnen sich ihn auch, weiß ihn zu schätzen. Aber leisten gleichzeitig einen Beitrag, z.B. Mitglied im Tierschutzverein zu sein, Geld für Nepal zu spenden, ehrenamtlich aktiv werden … Man kann sovieles machen, und man muss aber auch niemandem vorschreiben, was er tun soll, keiner muss auch in allem konsequent sein. Aber jeder kann zumindest wirklich einen kleinen oder auch größeren Beitrag leisten. Wir haben Glück, dass wir hierher geboren wurden, und haben dadurch aber auch die Verantwortung und die Macht, etwas zu verändern bzw. zu helfen.

    Liebe Grüße, und es war toll, Dich am Donnerstag kennen zu lernen!
    Melanie

  6. Steffi sagt:

    Ich denke, du kannst deinen Urlaub ohne schlechtes Gewissen genießen. Du arbeitest dafür. Arme hungernde Kinder wird es leider immer geben, weil keine Umverteilung stattfindet. Da kann man bis zum Sanktnimmerleinstag spenden. Ist eine Frage der Politik, da gäbe es so viele Beispiele. . .

    LG Steffi

    http://www.redseconals.com

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